Studie. Herkunfts- und Zielländer haben von der Arbeitsimmigration aus den neuen Mitgliedstaaten profitiert.
WIEN. Die Grenzen sind verschlossen, aber nicht versiegelt. Trotz Übergangsfrist bei der Öffnung des Arbeitsmarkts sind seit der EU-Erweiterung rund 6000 zusätzliche Arbeitskräfte aus den mittel- und osteuropäischen Nachbarländern nach Österreich gekommen. Das geht aus einer Studie des "European Citizen Action Service" (ECAS) hervor, die kürzlich in Brüssel präsentiert wurde. Im Vorjahr waren demnach insgesamt 46.034 Arbeitnehmer aus den zehn neuen Mitgliedstaaten in Österreich beschäftigt. Da es keine Öffnung des Arbeitsmarkts gibt, wird die jährlich festgelegte Quote an erlaubten Ausländerbeschäftigungen mittlerweile sehr stark von den neuen EU-Bürgern genutzt.
Anders als in den restlichen EU-Staaten arbeiten die Arbeitsimmigranten aus den neuen EU-Ländern in Österreich allerdings vor allem als Saisonniers und ohne permanente Beschäftigungsbewilligung. So sind von den knapp 15.000 im vergangenen Jahr in Österreich registrierten Ungarn 12.000 nur vorübergehend - etwa in Fremdenverkehrsbetrieben oder als Erntehelfer - tätig gewesen. Österreich hatte schon vor der EU-Erweiterung einen relativ hohen Anteil von Arbeitskräften aus Mittel- und Osteuropa.
Jene Länder, die den Arbeitsmarkt bereits nach den Beitritten der zehn neuen Mitgliedstaaten im Mai 2004 geöffnet hatten, verzeichnen einen weit größeren Zuwachs als Österreich. So kamen fast eine halbe Million Arbeitsimmigranten nach Großbritannien. Irland verzeichnet mittlerweile 74.000 Arbeitnehmer aus den neuen Mitgliedstaaten.
Wenngleich die ECAS-Studie etwa auf die besonders heikle Situation Österreichs als Nachbarland von vier mittel-osteuropäischen Ländern verweist, wird allgemein eine Öffnung des Arbeitsmarkts empfohlen. Grund: Bisher hat die Wanderung von Arbeitskräften allen Seiten Vorteile gebracht. In den zehn neuen Mitgliedstaaten konnte durch die Abwanderung die Zahl der Arbeitslosen reduziert werden. In den 15 alten Mitgliedstaaten hat sie zu keiner höheren Arbeitslosigkeit beigetragen, sondern die Wirtschaft sogar positiv stimuliert.
Mit ein Grund für den positiven Effekt in den Zielländern dürfte die große Flexibilität der Arbeitskräfte aus den mittel- und osteuropäischen Ländern sein. Viele sind bereit, Tätigkeiten auszuführen, für die heimisches Personal nicht zu finden ist. Auch als Saisonniers füllen sie Lücken am Arbeitsmarkt, für die es kaum heimische Konkurrenz gibt. Die meisten Arbeitnehmer aus den neuen Mitgliedstaaten arbeiten EU-weit in der Baubranche und im Dienstleistungssektor.
Die Arbeitsmigration schafft auch einen finanziellen Ausgleich zugunsten der Herkunftsländer. Viele zugewanderte Arbeitskräfte schicken einen Teil ihrer Einkünfte an ihre Familien in der Heimat. So schätzt die OSZE, dass durch Migranten mittlerweile international deutlich mehr Geld über Grenzen verschoben wird als durch Entwicklungshilfe. Die Zuwanderer aus den neuen Mitgliedstaaten gelten als verlässliche Arbeitskräfte. Ihre Arbeitslosenrate in den Zielländern ist meist geringer als jene der heimischen Bevölkerung und deutlich niedriger als jene von Zuwanderern aus Nicht-EU-Ländern.
Gleichzeitig nähern sich die Gehälter in den Herkunfts- und Zielländern immer mehr an. So sind etwa die Arbeitskosten in den baltischen Ländern bereits deutlich gestiegen. Laut dem deutschen Statistischen Bundesamt in Wiesbaden wurden die Arbeitskosten in Lettland seit einem Jahr um 19 Prozent angehoben. Im EU-Durchschnitt betrug das Plus im gleichen Zeitraum nur 2,4 Prozent.
Mit einer neuen Zuwanderungswelle wird ab dem nächsten Jahr gerechnet, wenn Bulgarien und Rumänien der EU beitreten. Allein Großbritannien, das nun restriktive Maßnahmen überlegt, rechnet mit 60.000 bis 140.000 Arbeitsmigranten aus beiden Ländern.