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Gehrer: Männer ermutigen, Lehrer zu werden

Interview. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer setzt auf oberösterreichisches Pilotprojekt, das männliche Bewerber bevorzugt.

Die Presse: Seit Beginn dieser Woche liegt eine Studie über ungleiche Bildungschancen in Österreich vor. In Grenzregionen treten äußerst wenige Kinder von der Volksschule in die AHS über.

Elisabeth Gehrer: Die Studie sagt nichts über die Bildungschancen aus. Bildungschance heißt, dass Kinder, die in die Hauptschule gehen, in der ersten Leistungsgruppe nach dem Lehrplan der Unterstufe des Gymnasiums unterrichtet werden. Sie haben danach alle Chancen. Sie können danach in weiterführende berufsbildende Schulen gehen, in Oberstufen-Realgymnasien gehen.

Die SPÖ erklärt, die Kinder hätten deswegen geringere Chancen, weil es keine Gesamtschule gibt.

Gehrer: Wie der Autor der Studie selber schreibt, hat das nichts mit einer Gesamtschule zu tun. Das Angebot der Hauptschule ist ein sehr gutes. In der ersten Leistungsgruppe wird nach dem Lehrplan des Gymnasiums unterrichtet.

SPÖ und Grüne fordern vehement die Gesamtschule. Mit welcher Partei könnte die ÖVP nach der Wahl eher eine Koalition eingehen?

Gehrer: Aus den Ereignissen nach der letzten Wahl habe ich gelernt, dass es falsch ist, Aussagen über Koalitionen zu treffen. Wir wollen unsere Bildungspolitik den Menschen positiv darstellen, die Zustimmung der Wähler erhalten.

Ist es überhaupt denkbar, dass man mit einer Partei eine Koalition eingeht, die eine Gesamtschule fordert?

Gehrer: Wie die großen Koalitionen gezeigt haben, ist es möglich. Ich meine aber, dass im Hinblick auf gesamteuropäische Entwicklungen und Ergebnisse von Untersuchungen nur in der Differenzierung ein gerechtes Bildungsangebot begründet werden kann. Nur eine starke Differenzierung gibt dem Kind die besten Bildungschancen. Deswegen werden wir unser differenziertes Angebot weiter verbessern.

Damit spielen Sie auf jene Untersuchung an, nach der 72 Prozent die Gesamtschule ablehnen?

Gehrer: Wir haben mit einiger Verwunderung gesehen, dass sogar mehr Menschen die Gesamtschule ablehnen als früher. Ich will die besten Bildungschancen für die Kinder. Ich bin daher für Individualisierung und nicht Kollektivierung. Für mich steht das einzelne Kind im Vordergrund, nicht das Kollektiv.

In der Umfrage befürworten aber auch 80 Prozent eine Nachmittagsbetreuung. Von 80 Prozent Nachmittagsschule ist man weit entfernt.

Gehrer: 80 Prozent sagen, dass sie das Angebot einer Nachmittagsbetreuung möchten, keinen Zwang, sondern die Freiwilligkeit, das Angebot anzunehmen. Das heißt nicht, dass es 80 Prozent brauchen.

Wie viel Prozent sind es jetzt?

Gehrer: Wir haben 660.000 Pflichtschüler, also über zehn Prozent.

Ein Problem hat der oberösterreichische Landesschulratspräsident Enzenhofer angesprochen: Es gibt so gut wie keine Männer im Lehrberuf.

Gehrer: Es gibt Entwicklungspsychologen, die sagen, dass manche Kinder in einer vaterlosen Gesellschaft aufwachsen und dass sie Vaterfiguren brauchen. Wir sollten junge Männer ermutigen, den Lehrberuf zu ergreifen. Ich bin da auch einer Meinung mit dem Landesschulratspräsidenten in Oberösterreich, dass wir auch jungen Männern die Chance geben sollten Volksschullehrer zu werden.

Wird es bei mehreren Bewerbungen eine Männer-Bevorzugung geben?

Gehrer: Ich habe den Landesschulratspräsidenten gebeten, ein Pilotprojekt zu machen. Wir schauen uns dann an, wie es funktioniert.

Zur Lehrerausbildung: Jetzt sind acht Pädagogische Hochschulen des Bundes und vier der katholischen Kirche geplant - ist das nicht zu viel?

Gehrer: Die acht des Bundes sind richtig und vernünftig. Die Kirche hat noch keine Anträge gestellt.

Das Bundesministerium wird alle Anträge der Kirche genehmigen?

Gehrer: Einen Automatismus gibt es nicht. Es muss die Größenordnung, die Qualität passen, bundesgesetzliche Vorgaben sind zu berücksichtigen. Eine Pädagogische Hochschule mit 10 Studenten braucht man nicht eröffnen.

Ist es unbedingt notwendig, dass in der nächsten Regierung Wissenschaft und Schule zusammenbleibt?

Gehrer: Ich halte es für sehr gut, ein Bildungsministerium zu haben. Das gibt an den sogenannten Nahtstellen gute Möglichkeiten zusammenzuarbeiten. Etwa, ob man noch Latein für Studienzwecke braucht, oder das Thema Matura. Ich halte es für wichtig, dass die Universitäten und die Grundlagenforschung beieinander bleiben. Ich würde es für sehr wichtig halten, dass der Forschungsförderungsfonds (derzeit beim Infrastrukturministerium, Anm.) zu den Universitäten und der Grundlagenforschung kommt.

Die Uni Graz hat gerade für einige Studienrichtungen wiederum Aufnahmsprüfungen angekündigt. Verliert die Matura die Zutrittsberechtigung zur Universität?

Gehrer: Aufnahmeprüfungen hat es immer gegeben. Wer den Kammerton A nicht hört, kann einfach nicht Musik studieren. Es hat uns das EuGH-Urteil dazu gebracht, dass wir möglichst vielen Studenten mit österreichischem Maturazeugnis Studienplätze sichern. Das haben wir versucht mit dem Zulassungsverfahren für Medizin.

WU-Rektor Badelt will einen Numerus Clausus für Masterstudien.

Gehrer: Ich bin strikt gegen einen Numerus Clausus. Aber diese Forderung wird von der Rektorenkonferenz immer wieder vorgebracht, das ist eine Aufgabe für die nächste Legislaturperiode.