Analyse. Wie der Verkauf einer Großbank professionell abgewickelt wird - und was in Österreich möglicherweise anders läuft.
wien. Soll eine Großbank verkauft werden, bedient sich der Eigentümer in der Regel einer Investmentbank. Das tut auch der ÖGB im Falle Bawag. Üblicherweise lädt man mehrere der großen internationalen "Player" - wie J.P. Morgan, Goldman Sachs, Lehman oder Merrill Lynch - ein. Sie präsentieren dem Verkäufer ihre Konzepte. Ein "Beauty-Contest" entscheidet, welche Investmentbank den Verkauf abwickeln soll.
In der Zwischenzeit muss der ÖGB klären, welcher Anteil an der Bawag tatsächlich abgegeben wird. Zunächst war von einem 100-Prozent-Verkauf die Rede. Mittlerweile rudert man in der Gewerkschaft zurück und überlegt, einen Teil der Bank zu behalten. Auch eine Mitarbeiterbeteiligung wird diskutiert. Zusätzlich brüten die Juristen über der Frage, ob der ÖGB als privater Verein den Bawag-Verkauf EU-weit ausschreiben muss oder ob er sich auf eine "österreichische Lösung" festlegen kann.
Steht die Investmentbank fest, beginnt sie mit der Erstellung eines Informationsmemorandums. In dieser "Visitenkarte" finden sich nicht nur die nackten Bilanzzahlen, sondern weit mehr an Detailinformationen über die zum Verkauf stehende Bank und deren Strategie. Heikle Punkte - im Falle der Bawag etwa die Refco-Affäre und die daraus noch drohenden Prozessrisken - müssen extra von einem Anwalt geprüft werden. Um alle Unterlagen zusammenzustellen, braucht man nach Einschätzung von Experten mindestens einen Monat. Bei der Bawag, wo es noch nicht einmal eine Bilanz 2005 gibt, könnte es noch länger dauern. Damit ist es fraglich, ob der Bawag-Verkauf noch vor der Nationalratswahl im Herbst durchgezogen werden kann.
Ist das Informationsmemorandum fertig, wendet sich die Investmentbank an potenzielle Käufer. Jeder Interessent, der eine Vertraulichkeitserklärung unterschreibt, bekommt das Informationsmemorandum. "Weil man darin über ein Konkurrenzinstitut jede Menge erfährt, lässt sich keiner diese Chance entgehen," meint ein heimischer Investmentbanker.
Beim Verkauf der Bawag dürfte es ganz ähnlich laufen. Schon als der ÖGB seine grundsätzliche Verkaufsbereitschaft signalisierte, meldeten zahlreiche Finanzinstituten - Wiener Städtische, Erste Bank, BA-CA, Generali, Raiffeisen, Övag etc. - ihr grundsätzliches Interesse an der Bawag an. Für einige von ihnen wäre ein Einstieg bei der Gewerkschaftsbank strategisch tatsächlich sinnvoll, andere wollen sich nur über einen Konkurrenten informieren.
Am Ende des Verfahrens dürften auch in diesem Fall nur wenige "echte" Interessenten übrig bleiben. Die Wiener Städtische gilt schon jetzt als Wunschpartner des ÖGB. Dass die Gewerkschafter Siegfried Sellitsch, den ehemaligen Chef der Städtischen, zum Präsidenten des neuen Bawag-Aufsichtsrates kürten, war wohl kein Zufall.
Im nächsten Schritt wählt die Investmentbank jene Interessenten aus, die das Objekt ihrer Begierde genau unter die Lupe nehmen dürfen. Im Fachjargon heißt dieser Vorgang "Due diligence". Dabei geht es ziemlich streng zu, Kopiergeräte sind beispielsweise verboten. Auf Basis der Due diligence erstellen die Kaufinteressenten ihre unverbindlichen Angebote. Die besten zwei oder drei Bieter kommen auf eine "Short list". In den meisten Fällen entscheidet allein der Preis, der Höchstbieter kommt zum Zug. In manchen Fällen fallen die Würfel zu Gunsten des Bestbieters, der nicht nur genug Geld, sondern auch ein überzeugendes Konzept anbietet.
Mit den in die Endrunde gekommenen Banken handelt die Investmentbank einen Verkaufsvertrag aus. Die potenziellen Käufer können ihr Offert nochmals nachbessern. Dann fällt die endgültige Entscheidung, wer den Zuschlag bekommt. Will man es besonders spannend machen, werden die Kuverts mit den Offerten vor laufender Fernsehkamera geöffnet, wie zuletzt bei der Privatisierung der rumänischen BCR.