Nach den Refco-Gläubigern fordern jetzt auch die Aktionäre Schadenersatz von der Bawag.
Washington. Kaum hat die Bawag in den USA eine drohende Milliarden-Klage mit einem außergerichtlichen Vergleichsangebot abgewendet, ist sie mit einer neuen konfrontiert: Aktionäre, die bei der Pleite der US-Brokerfirma Refco Geld verloren haben, wollen Schadenersatz von der österreichischen Bank. In der Klage wird zwar keine konkrete Summe genannt. Einer der Anwälte erklärte der "Presse" Freitagabend, es gehe um "hunderte Millionen Dollar". Die Klage war bereits erwartet worden, seit bekannt ist, wie eng die Verflechtungen zwischen der Bawag, Refco und deren ehemaligem Chef Phillip Bennett tatsächlich waren.
Während sich die Bawag selbst gerne als Opfer krimineller Machenschaften von Refco sieht, vertreten Gläubiger und Eigentümern der insolventen Refco eine andere Sichtweise: "Die Bawag war abhängig von Bennett, der wiederum abhängig von der Bawag war. Daher war die Bawag in der Lage, Bennett zu kontrollieren und somit auch Refco", erklärte der Anwalt der Kläger, John Browne, im Gespräch mit der "Presse".
Er wirft der österreichischen Bank vor, direkt in den Skandal und die Pleite involviert zu sein. "Die Bawag hat Bennett wissentlich geholfen, seine Betrügereien zu verschleiern", sagte Browne, der die Klage Freitag Nachmittag (Ortszeit) in New York einbrachte. Somit trage die Bawag auch Verantwortung gegenüber Aktionären, die bei der Refco-Pleite ihr Geld verloren haben.
Für die Bawag bedeutet das einen weiteren Rechtsstreit und neue Schwierigkeiten. Auch wenn US-Rechtsexperten der Klage wenig Chancen auf Erfolg geben. John Coffee (fast namensgleich mit dem Anwalt der geschädigten Aktionäre, John Coffey), Professor an der angesehenen Columbia Law School, meinte vor wenigen Tagen im "Presse"-Interview, dass eine Haftung der Bawag gegenüber den geschädigten Refco-Aktionären vor Gericht schwer zu begründen sei.
Das US-Höchstgericht habe vor Jahren geurteilt, dass jemand nicht haftbar gemacht werden kann, auch wenn er dem Geschäftsführer einer Firma bei einem Betrug oder beim Verschleiern desselbigen geholfen hat. "Das mag kriminelles Verhalten sein und vom Staatsanwalt verfolgt werden, aber zivilrechtlich ist es für eine Haftungsklage zu wenig", erklärte Coffee.
Schwerer Rückschlag für den ÖGB
Die nun angemeldeten Rechtsansprüche bedeuten für die laufenden Bemühungen des ÖGB, die Bawag rasch zu verkaufen, einen neuerlichen Rückschlag. Sämtliche Interessenten werden die Bank nur übernehmen, wenn sie sich mit keinen weiteren Ansprüchen aus den USA konfrontiert sehen. Zudem dürfte auch die Bundesregierung die neuen Entwicklungen aufmerksam verfolgen. Immerhin hat sie im Namen der Republik eine Haftung für die Bawag in Höhe von 900 Mill. Euro übernommen, weil die Gewerkschaftsbank hofft, die Refco-Gläubiger mit 675 Mill. Dollar abfinden zu können.