Vergleich in den USA. Zwei Stunden lang verhandelten die Anwälte von Bawag und Refco-Gläubigern in New York.
new York. Es ist das passende Gebäude für Milliardenpleiten. Der "United States Bankruptcy Court Southern District of New York" ist in einem monströsen, klassizistischen Bau untergebracht, der sich über drei Straßenblocks zieht. Die Enron-Pleite wird hier ebenso verhandelt wie der Rekord-Bankrott von Worldcom. Und heute geht es eben um Refco und die österreichische Gewerkschaftsbank Bawag.
Wie bedeutend der Fall in den USA ist, zeigt der Medienansturm. Ein Kamerateam des ORF steht verloren vor dem Gerichtsgebäude. Ein paar Journalisten - das war's dann auch schon. Dass es aber um viel Geld geht, sieht man an den teuren Maßanzügen der Zuhörer und Anwälte, die sich an diesem 1. Mai ab 14 Uhr (20 Uhr Ortszeit Wien) im Verhandlungssaal 610 zur Gerichtssache 05-03161-rdd einfinden.
Die Klägerseite, also die Gemeinschaft der Refco-Gläubiger, ist bestens gerüstet: Zwei Boten rollen einen Wagen mit 15 Umzugskartons voller Akten durch den langen, kahlen Gang, aus denen zwei Sekretärinnen dicke Ordner auf den Tisch packen. Sechs Anwälte hat die Kanzlei Milbank, Tweed, Hadley & McCloy aufgefahren.
Die Bawag kontert mit Understatement: Drei Anwälte, eine Mappe, ein kleiner Papierstapel, ein Notizblock. Man will offenbar nicht verhandeln. Das wird klar, als die Anwälte im Konferenzraum 609 verschwinden. Es geht um einen Vergleich in letzter Minute, bevor der Gerichtsdiener zum dritten und letzten Mal den Fall aufruft.
Zurück bleiben nervöse Zuhörer, die hektisch auf ihren Blackberrys herumdrücken. Gegen 14.45 Uhr Ortszeit kommt Bewegung in den Fall. Ein Anwalt eilt im Laufschritt aus dem Konferenzsaal. Ein absolut unübliches Verhalten bei Stundensätzen von 700 Dollar und mehr. Ihm folgen die Milbank-Anwälte, während drinnen offenbar die Bawag-Vertreter mit Wien konferieren.
Das erste Angebot scheint gescheitert zu sein. Man verschwindet wieder, eine Stunde später das gleiche Procedere: Die Kläger-Anwälte verlassen erneut den Konferenzraum. Diesmal scheint Wien dem Vergleichsangebot zuzustimmen: Um 16.02 Uhr (22.02 Uhr Wiener Zeit) öffnet ein Bawag-Anwalt die Tür und holt seine Kollegen mit den Worten "That's it" wieder herein. Was es ist, erfährt man zehn Minuten später nur teilweise. Denn der Vergleich zwischen den beiden Parteien sei so heikel, dass man doch bitte die Öffentlichkeit ausschließen möge, fordern die Anwälte. Richter Robert Drain gibt dem Ansuchen statt, enttäuscht packen die maßgekleideten Zuhörer ihre Montblanc-Kugelschreiber wieder ein.
Was immerhin bekannt wird, sind die "geringen Summen", die die Bawag laut ihres Chefs Ewald Nowotny in den USA hat. Auf drei verschiedenen Bankkonten kann die Bank über 200 Millionen Dollar, 540 Millionen und 350 Millionen Dollar verfügen. Dazu kommen ausstehende Kredite in den USA in Höhe von 71 Millionen Dollar. Insgesamt also 1,16 Milliarden Dollar. Laut Vereinbarung kann die Bawag weiterhin in den USA Geschäfte machen, die angegebenen Summen dürfen aber nicht unterschritten werden. Dem Gericht muss täglich über den Kontostand berichtet werden.
Der wirklich interessante Teil, wie die Vereinbarung im Detail aussieht, bleibt geheim. Es gebe noch keine endgültige, rechtsverbindliche Einigung. Gemunkelt wird über 650 Millionen Dollar, die die Bawag an die Refco-Gläubiger zahlen wird. Bestätigen will das niemand, schon gar nicht die Anwälte, die öffentlich an diesem Tag nur eines sagen: "No comment".