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In Venedig protzt man mit Best-of-Präsenz

Zehnte Architekturbiennale. Elitär, aber nicht taufrisch; groß, aber nicht effizient.

"Where are we going?", fragt zurzeit die Kunst in Venedig - so jeden falls der Titel von Megasammler Francois Pinaults erster pompösen Ausstellung im Palazzo Grassi. Wie aber wird es dort aussehen, wenn wir einmal dort angekommen sind, wohin wir gehen?

Das fragt in Venedig heuer die Architektur auf ihrer 10. Biennale, die dieses Wochenende eröffnet wird. Ziemlich urban wird's künftig werden. Schließlich, so die Voraussage der UN, werden bis 2050 rund 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Vor einem Jahrhundert waren es gerade einmal zehn Prozent. Wenn wir da also keinen Trend haben! Die richtige Nase dafür hatte der britische Stadtplaner Richard Burdett, der dieser Ausgabe der Biennale vorsteht. Und da in diesen baulichen Verdichtungen schließlich auch Menschen leben, fügte der Kurator drei Wörter zu einem Titel, der in seiner Schlichtheit fast wieder überzeugt: "Cities, Architecture and Society".

Taufrisch ist das Thema nicht, stellte man in Venedig schließlich schon 2000 die Stadt ins Zentrum, fragte nach "less aesthetics, more ethics". Sei's drum, sagen wir, es ist zeitlos. Nur: Was Burdett am 300 Meter langen Parcours im Arsenal inszenierte, die Haupt-Schau, ist reichlich altbacken.

Ausgewählt hat er 16 Metropolen, die für ihn exemplarisch für städtebauliche Probleme stehen, Verslummung, Flucht aus dem Zentrum, extreme Klassengesellschaften. Angefangen bei São Paulo über Johannesburg, Mumbai, New York bis zur mit 35 Millionen Einwohnern weltweit größten urbanen Zone, Tokio, Berlin und - da schlägt wohl italienischer Patriotismus durch - Mailand und Turin. All diese Städte werden der Reihe nach in ihren Kojen brav porträtiert, mit schönen Fotos, den neuesten städtebaulichen Projekten und voll von netten Statistiken wie der Anzahl der Mörder pro 100.000 Einwohner - Caracas dürfte da mit 133 Spitzenreiter sein. Diese Zahl wurde jedoch nicht bei allen angegeben, was fast einer Diskriminierung gleichkommt.

Ebenso die typische Falle der ökonomischen Hackordnung: So wird New York allein der Raum zugestanden, den Johannesburg und Istanbul sich teilen müssen. Das sind die großen Ärgernisse. Die kleinen: Mit Sound-Glocken zum Drunterstellen und Luftaufnahmen zum Drüberlatschen wird hier vorwiegend nur das optisch aufgeblasen, was man etwa auf Wikipedia effizienter hätte abfragen können. Aber Effizienz scheint nicht gefragt. Protzen mit Präsenz, das ist angesagt. Speziell in den Länderpavillons, dieser vor allem in der totalglobalisierten Architektur heute so völlig anachronistischen Leistungsschau, angetrieben wohl nur von der unauslöschbaren Lust an der Liste, dem Best-Of-Ranking.

Also bitte, hier meine Sieger des ersten Rundgangs: Platz eins belegt Spanien mit seinem simplen, aber ästhetisch klaren feministischen Statement. Auf matten Leuchtkästen laufen Dutzende Interviews über das Leben in Madrid, Sevilla, Barcelona mit Architektinnen, Emigrantinnen, Anrainerinnen etc., damit wird der belebten Architektur die so selten öffentlich gehörte weibliche Stimme gegeben.

Platz zwei: Frankreich, weil es hier am lustigsten zugeht. In den Pavillon wurde eine Art Hotel eingebaut, indem junge Leute mit Apple-Laptops, aller Wahrscheinlichkeit also junge Architekten, kochen, schlafen, T-Shirts bedrucken, sich am Dach sonnen, duschen und planschen.

Platz drei geht ex aequo an England für die spielerischsten und ästhetisch anti-coolsten Installationen, in denen frei mit Maßstäben assoziiert wird. Sowie an die USA für das konkreteste Projekt: Junge Architekten entwarfen neue Wohnbauten für das durch Hurrikan Catrina zerstörte New Orleans. Der Vollständigkeit halber noch eine Jubelmeldung: Der österreichische Beitrag schlägt den deutschen in Aussage und Konzept um Längen. In letzterem Pavillon erschließt eine lange scheppernde Stahltreppe das Dach als Terrassen-Lounge und will damit ziemlich aufwendig sagen, dass mit nur kleinen Eingriffen große neue Perspektiven erschlossen werden können.

Wir dagegen haben uns unter Leitung von Wolf D. Prix (Coop Himmelb(l)au) zum "großen Anlauf" auf das Thema Stadt entschieden, also vor allem für den Blick aus der Vergangenheit, der im Nachhinein ja immer schon der visionärste war: 1:1 wurde Friedrich Kieslers von ihm als utopischer Stadtentwurf vermarktete freischwebende Ausstellungsarchitektur für die "Expositions des Arts Décoratifs" 1925 in Paris rekonstruiert. Ein Raumerlebnis, als würde man in ein Mondrian-Bild einsteigen.

Den Großteil des 400.000-Euro-Budgets aber verschlang das 7,5 Meter lange Modell von Hans Holleins Flugzeugträger-Stadt, deren Horrorvision er 1964 aufs Papier entwarf. Die Collagen fanden zu Recht Eingang in die Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art, die Idee wird hier hinlänglich klar: Im unterirdischen Part des Schiffs, das mitten in der freien Landschaft lastet, muss die Menschheit ihr tristes Dasein fristen, während vom Dach in Flugzeugen wohl flieht, wer es sich leisten kann . . .

Als dritten Teil des Österreich-Beitrags hat Gregor Eichinger eine Netzwerk-Bar eingerichtet, einen stallartiger Kobel, in dem auf einen Tisch verschiedene Hände mehr oder weniger bekannter Personen projiziert werden, die sich mit Ketchup beschmieren oder dem Gegenüber zuprosten. Hier von Ironie zu sprechen wäre schon zu viel.

Ach ja. Und weil die Weltstadt Wien überraschenderweise nicht unter den 16 Megacities im Arsenale zu finden ist, gibt es hier die dringend nötige Ergänzung: eine visualisierte blinkende Statistik von den beiden Quotenfrauen im Ö-Pavillon: Andrea Börner und Bärbel Müller haben hier u. a. erfasst, welche SMS-Frequenz Wien etwa aufweist. Wen es interessiert: Alle 0,10 Sekunden wird auf den Sendeknopf gedrückt.

Ob dieser Statistik-Wald der heurigen Biennale viel dazu beiträgt, dass sich die Menschen ihrer gestalteten Umgebung bewusster werden, darf bezweifelt werden.