Der Philosoph Jürgen Habermas wird in Wien für sein Lebenswerk mit dem Bruno-Kreisky-Preis geehrt.
Wenn im deutschen Sprachraum noch intellektuelle Debatten an gestachelt werden, die das Gemeinwesen betreffen, dann von Menschen, die aus einer anderen Zeit ins 21. Jahrhundert ragen: Enzensberger ist immer für eine Überraschung gut, Dahrendorf meldet sich auch noch, und natürlich Habermas. 50 Jahre sind sie an der Front, damals Stimmen eines breiten Chors von Philosophen, Soziologen und Dichtern, die sich ganz selbstverständlich ins politische Handgemenge warfen: Adorno hielt kulturkritische Vorträge im Radio, Günther Anders war bei den Ostermärschen gegen die Atombombe vorne mit dabei, reden wir gar nicht von nebenan, von Sartre in Frankreich, Marcuse in den USA: Nach ihrer düstersten Niederlage war die Aufklärung wieder zu Kräften gekommen, hatte noch einmal Vertrauen gefasst, in die Macht wie in die Vernunft der öffentlichen Debatte.
Habermas war von Anfang an dabei, der 1929 Geborene hat breit studiert, von der Philosophie bis zur Ökonomie, 1964 kam er nach Frankfurt. Aber Frankfurt hatte ein Problem: Adorno. Der hatte seinem Vertrauen in die Aufklärung auch deren zwangsläufiges Misslingen eingeschrieben ("Dialektik der Aufklärung", gemeinsam mit Horkheimer 1947): Unter den Bedingungen von technischer Naturbeherrschung und kapitalistischer Produktionsweise führe kein Weg aus dem falschen Ganzen heraus.
Das war ein Knoten, der sich nicht lösen ließ, aber in Frankfurt stieg der Druck, dort studierte, wer links war, aber nicht orthodox. Diese Studenten wollten sich irgendwann nicht länger über das zwangsläufige Scheitern der Aufklärung aufklären lassen, sie drängten zur Praxis, probten Aufstand und Aktionismus, besetzten Adornos Institut, die Studentinnen zeigten ihm die nackten Brüste, er war konsterniert, Habermas musste den Protest auffangen.
Der hatte inzwischen den Knoten nach der anderen Seite durchschlagen, er trennte die Welt in einen von der technischen Vernunft durchherrschten Bereich und einen, in dem über Fragen der Moral verhandelt und nachgedacht wird. In beiden gelten verschiedene Logiken und, vor allem, voneinander unabhängige Logiken: Man kann sich über das bessere Leben verständigen, auch wenn man mit den Füßen tief in den Zwängen von Technik und Kapital festsitzt. Das schaffte dem Kopf Raum, gab allerdings den Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Analyse auf, die "Frankfurter Schule" war zu Ende, bevor sie beginnen hatte können, Habermas war erst die zweite Generation. Er gab seiner Hoffnung viele Namen, - "herrschaftsfreier Dialog", "Diskurs" -, ausformuliert hat er sie erstmals in "Erkenntnis und Interesse". Das war das Buch von 1968, symbolträchtig eröffnete es die Suhrkamp Taschenbuchreihe Wissenschaft (stw), wer damals mitreden wollte, musste stw lesen.
Aber der erste Versuch des herrschaftsfreien Dialogs misslang, die Studenten hatten sich radikalisiert, Dutschke wollte sie zur Revolution führen, Habermas nannte das "linken Faschismus" (und zog es später wieder zurück). Daneben baute er seine Diskurstheorie aus, ging den Bedingungen der Möglichkeit der Verständigung in so feine Verästelungen nach, dass bisweilen nicht mehr ersichtlich war, worüber man sich denn verständigen solle. Damit erwarb er sich Anerkennung, aber auch den Spott, im herrschaftsfreien Dialog regiere die "Diktatur des Sitzfleischs". Zugleich tauchte auf der Ebene der Sozialanalyse Konkurrenz auf, Niklas Luhmann mit seiner Systemtheorie. Die Soziologie ist eher ihm gefolgt, hat die aufklärerischen Ansprüche aufgegeben und ist in öffentlichen Debatten kaum mehr existent, die Ausnahme Ulrich Beck ("Risikogesellschaft") bestätigt die Regel.
Habermas hingegen hielt unbeirrt am Ziel Emanzipation und am Weg Diskurs fest, auch als dieser zum zweiten Mal und blutig abgebrochen worden war, die deutschen Terroristen (RAF) hatten zu den Waffen gegriffen. Als der Spuk vorbei war, war der Diskurs-Turm weitergewachsen, und er wuchs und wuchs, auf höchstem Niveau, wer allem nachlesen hätte wollen, wäre kaum mehr zum Diskurs gekommen. Damit war die Produktivität Habermas' aber nicht erschöpft, er lebte seine Utopie, zettelte Debatten an, immer an Versöhnung orientiert, aber in der Sache so begründet wie formal unmissverständlich: "Unappetitlich" nannte er etwa 1986 in der ZEIT deutsche Historiker, die das Grauen der Nazi durch Vergleiche mit Stalin und Pol Pot relativieren wollten: "Rhetorik von Kriegsheftchen."
Auch damals stritten noch einige auf seiner (und der anderen) Seite, aber nach den Sozialwissenschaftlern machten sich auch die Philosophen immer rarer, der Dialog litt an Teilnehmermangel. Dann kam die nächste und noch blutigere Absage an Verständigung, 9/11, Habermas saß an der Dankesrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, Mitte Oktober begann er sie so: "Wenn uns die bedrückende Aktualität des Tages die Wahl des Themas sozusagen aus der Hand nimmt, ist die Versuchung groß, mit den John Waynes unter uns Intellektuellen um den schnellsten Schuss zu konkurrieren." Er schoss, mit nichts mehr im Köcher als der "fahlen Hoffnung auf eine letzte Vernunft und ein wenig Selbstbesinnung". Nur, mit wem? Intellektuelle Konkurrenz war wenig da, Habermas suchte Dialog-Partner, "deren semantische Potentiale noch nicht ausgeschöpft" waren und die, vielleicht, "eine rettende Formulierung" bereit hatten. Er, der "religiös Unmusikalische", wandte seine Hoffnung der "Artikulationskraft religiöser Sprachen zu", der "kritischen Anverwandlung religiösen Gehalts".
So kam es 2004 zu einem bestaunten und beargwöhnten Dialog zwischen dem "nachmetaphysischen Philosophen" und Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst. Aber nach allem, was man darüber weiß, fand sich die rettende Formulierung auch dort nicht. Jürgen Habermas erhält heute in Wien für sein Lebenswerk den Bruno-Kreisky-Preis (Universität, Festsaal, 18.30 Uhr; Anmeldung erbeten: 8046501-0; post@renner-institut.at).