Germanistin Konstanze Fliedl über Schnitzler und eine Ausstellung im Theatermuseum.
Das Liebste wäre mir ein Harem." Das Schnitzler-Zitat ziert einen der schwarzen Polster im Foyer des Theatermuseums. Dahinter eine bizarre Installation von Michaela Spiegel: Glas-Penisse in Vitrinen. Das Museum hat die Nostalgie-Schiene mit Ausstellungen über Oskar Werner oder Gustaf Gründgens verlassen und wirft sich auf "Sex sells", offenbar in dem Wunsch, mehr Besucher anzulocken. Da kommt der heurige 75. Todestag Arthur Schnitzlers wie gerufen.
"Affairen und Affekte" heißt die Schau. Sie widmet sich der Komödie "Reigen" sowie den Novellen bzw. inneren Monologen "Fräulein Else" und "Leutnant Gustl". Dabei geht es vor allem um Kulturgeschichte der damaligen Zeit, die Stellung der Frau, Erotik, Sexualität. Entstanden ist die Ausstellung in Kooperation mit der Schnitzler-Gesellschaft nach einer Idee der Salzburger Germanistik-Professorin und Schnitzler-Spezialistin Konstanze Fliedl.
Was kann man den Menschen heute von diesem Dichter noch Neues erzählen - der zumindest in seinen Tagebüchern als rechter Erotomane erscheint? "Die frühen Tagebücher Schnitzlers zeigen, dass er unter heftigem erotischen Erfolgsdruck stand. Seine Texte überholen aber sein Privatleben insofern, als sie individuelle Befindlichkeiten wie Dandytum, bourgeoise Indolenz, sexuelle Beliebigkeit einer Generation, einer Epoche zeigen", erklärt Fliedl: "Schnitzlers Arbeiten widmen sich aber immer auch der ,anderen' Seite, den ausgebeuteten Frauen, die sich als ,süßes Mädel' herrichten müssen, den verkrümmten Subalternen der k. u. k. Monarchie oder der jüdischen Minorität. Schnitzler hat für jede Generation eine ,neue' Seite. Ich glaube, man wird ihn in Zukunft auch als Zeichen- und Medientheoretiker lesen." Diesem Aspekt widmet der Katalog breiten Raum, der die Bedeutung jedes Details der Schnitzler-Werke (Kleider, Stühle) erläutert, ein Lesevergnügen für Theaterfreunde. Die Ausstellung wurde von Evelyne Polt-Heinzl, Gisela Steinlechner, Peter Karlhuber (Bühnenbild) bewusst auratisch gestaltet; Korsetts, Strümpfe, Kojen mit Szenen aus dem berühmten Fräulein-Else-Stummfilm mit Elisabeth Bergner (1929) ziehen den "voyeuristischen" Blick auf sich, meist aber blieb man eher diskret, zahm. Amüsant: eine Drehtür mit Drehleiermusik und Ausschnitten aus alten "Porno"-Filmen, in denen sich Dienstmädchen und feine Herren blitzartig ihrer unglaublich vielen Hüllen entledigen. Fliedl: "Die Ausstellung zeigt, wie brisant Schnitzlers Beobachtungen heute noch sind: seine Beschreibungen des Liebesmarktes, Ökonomisierung der Intimität, ihr Ausverkauf, der jeden zum Voyeur macht, der Druck, der über die Kommerzialisierung von Sex ausgeübt wird. Das alles wirkt witzig, aber auch unheimlich. ,Männlichkeit' und ,Weiblichkeit' waren vorgeschrieben. Noch das Privateste, Liebe, wurde von der Gesellschaft gelenkt."
Welche Rolle spielt Schnitzler in der heutigen österreichischen Literatur? Gert Jonke wird heute Abend im Theatermuseum der Schnitzler-Preis überreicht. "Schnitzler-Preisträger müssen keinen Schnitzler-Test bestehen", meint Fliedl. Der Preis ist mit 11.000 Â dotiert, wird von einer Jury vergeben, von der Stadt Wien und vom Bund finanziert. Ausgezeichnet werden deutschsprachige Dramatiker und Dramatikerinnen, die möglichst hochkontroversiell sein sollen, wie das auch Schnitzler war, was, so Fliedl, heute gern vergessen wird: "Im Dritten Reich war er verboten, in der Nachkriegszeit wurde er häufig zu Wiener Folklore verkitscht. Deswegen galt er jüngeren Autoren bisweilen als sentimental. Dieses Urteil ist jetzt aber revidiert. Schriftsteller wie Robert Menasse oder Marlene Streeruwitz zitieren ihn in ihren Texten."
Die heutige Schnitzler-Rezeption hat vermutlich mehr mit einer Zeichnung zu tun, die das interessanteste Objekt der Ausstellung ist: einem karikaturistischen Porträt des Dichters von Charles Lucien L©andre. Statt des Respekt gebietenden 19.-Jahrhundert-Gentlemans lungert der 35-jährige Schnitzler mit schiefem Hut und Zigarre vor Weingläsern in einem Pariser Caf© an einem Tisch und mustert mit schmalen Augen nachdenklich seine Umgebung: ein scharfer Beobachter, der unbeobachtet bleiben will.
Ausstellung bis 21. 1. 2007, Schnitzler-Preisverleihung an Gert Jonke, Mi., 19h, Laudatio: Wendelin Schmidt-Dengler.