Die Clowns rauchen, sitzen herum

Ausstellung. "Picasso und das Theater" in der Frankfurter Schirn entzückt.

Halb Andalusier, halb Katalane, gewachsen in Paris. Kein Wunder, dass Pablo Picasso ein Mann des Theaters war, eine der vielen Seiten seiner Persönlichkeit, der nun die Schirn-Kunsthalle eine Ausstellung widmet. Leicht war es nicht, dafür Leihgaben zu bekommen, wiewohl die Schau seit zwei Jahren vorbereitet wurde. Selbst für das reichhaltige OEuvre des Moderne-Klassikers ist das weltweite Angebot an Picasso-Ausstellungen zum heurigen 125. Geburtstag des Malers enorm. Im Madrider Prado schloss im September eine Picasso-Schau. Das New Yorker Whitney Museum zeigt bis Ende Jänner Picasso und die amerikanische Kunst.

Im Palazzo Grassi wird am 11. November "Picasso. La Joie de Vivre 1945-1948" eröffnet (bis März 2007). Die Albertina präsentiert Picassos Spätwerk ("Malen gegen die Zeit", bis Jänner 2007). In Kapstadt und Johannesburg freute man sich vermutlich besonders über Picasso, denn dort wurde er in der Zeit des Apartheid-Regimes nicht gezeigt. Warum? Seine Arbeiten galten als primitiv, verwandt mit afrikanischer Kunst, gar als "entartet". Nun wurde heuer Picasso mit afrikanischer Kunst gezeigt. Auch im Kunstmuseum von Göteborg gibt es eine Picasso-Ausstellung (bis 3. 12.). Und: Das Pariser Mus©e Picasso widmet sich Picasso aus der Sammlung Berggruen (ebenfalls bis Jänner).

Heinz Berggruen (92), Emigrant, Kunsthändler, Sammler der klassischen Moderne, überließ 2000 für einen symbolischen Preis seine Sammlung Berlin, wo sie im Berggruen-Museum in Charlottenburg zu sehen ist. Sein Sohn Olivier Berggruen kuratierte nun "Picasso und das Theater" in der Frankfurter Schirn, wo er bereits eine Matisse-Schau und eine über Yves Klein gestaltet hat. 140 Werke, Malerei, vor allem aber viele Zeichnungen und Fotografien sind zu sehen. Beleuchtet wird die Zeit von 1900 bis 1926.

Die Gaukler, Pierrots, Artisten zeigte Picasso nicht in Aktion, in der Manege, auf der Bühne, sondern in ihrer Freizeit, rauchend, herumsitzend, abhängend. Vermutlich hat er sich mit ihnen identifiziert. Der Künstler als Pfau, der kreative Räder schlägt - und nachher rechtschaffen erschöpft ist. Auch: Der Künstler, arm und ausgesetzt in einer fremden Welt, der Realität, aus der ihn nur die Kunst entführt: "Sitzender Harlekin" (1905), "Der Gaukler" (1905). Spektakulär: die japanische Tänzerin Sada Yacco (1900).

1917 begann die Zusammenarbeit zwischen Picasso und Serge Diaghilew, dem Direktor des Pariser "Ballet Russes". Die Kreationen erregten Aufsehen bis hin zum Skandal. Die Rekonstruktionen von Aufführungen wie "Parade" oder "Der Dreispitz", die in der Ausstellung zu sehen sind, entzücken heute durch ihre Originalität: Die halb nackten, skurrilen Tänzer ebenso wie die fantasievollen Skulpturen, sie sehen aus wie Maschinen, die zum Leben erwacht sind. Unzählige Skizzen und Zeichnungen hat Picasso angefertigt, um die Bewegungen der Tänzer präzis abzubilden. Er bediente sich bei der Commedia dell'Arte und im antiken Theater. Der Minotaurus wurde ein Lieblingsmotiv. Die Dekorationen wirken höchst minimalistisch. Aus wenigen Strichen entsteht ein südliches Dorf. Dort ereignet sich die dramatische und komische Geschichte vom "Dreispitz": Mehrere Männer umwerben eine verheiratete, schöne Müllerin.

Die Bühne war für Picasso eine eigene Welt, die weniger der Darstellung als dem selbstvergessenen Spiel dient, schreibt Weggefährte Douglas Cooper (1915-1985). Ein interessanter Gedanke in einer Zeit, da man oft das Gefühl hat, Kultur sei einer sehr äußerlichen Selbstinszenierung verfallen.

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