Millionär mit Theater

Off-Szene in Geldnot. Stahl-Unternehmer Erwin Javor findet Wiens Bühnenwelt rätselhaft.

Zu Saisonschluss richten manche den Blick euphorisch auf die nächste Spielzeit. Andere fühlen sich gefrot zelt. Ende Juni berichtete der Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny über Fortschritte seiner Theaterreform: Mit wichtigen Bühnen wie Odeon, Ensemble oder Kosmos-Theater sei man auf dem Weg zu einer gütlichen Einigung. Mailaths Ziel ist, diese bis spätestens 2010 neu zu besetzen, was bei den Leitern auf Widerstand stieß.

Insgesamt gibt die Gemeinde Wien für ihre Off-Theater stattliche 22 Millionen Euro aus. Zu wenig, offenbar. Denn letzte Woche beklagten mehrere Bühnen schwere Finanznöte: Das Kosmos verwies zwar auf die Einigung - Aufstockung des Jahresbudgets um 120.000 € bis 2009/2010. Allerdings habe man seit einem Gespräch mit Mailath im Mai nichts mehr gehört: "Den Worten sind weder Taten noch Mittel gefolgt!"

Das Ateliertheater, früher am Naschmarkt, jetzt in der Burggasse, eine der ältesten Off-Bühnen Wiens, deren jetziger Standort noch 1999 mit städtischen Mitteln renoviert wurde, steht vor dem "Aus", weil es keine Subvention mehr erhält.

Das Vindobona meldet die Unterbrechung der bisher von der Stadt mitfinanzierten Sanierungsarbeiten, die, wie es oft passiert, ein wenig teurer sind als erwartet. Ein wenig? 1,35 Mio € versprach die Stadt. 455.000 € fehlen. Die Künstler verzichten auf ihre Gage. Dennoch ist es nur eine Frage der Zeit, bis Vorstellungen abgesagt werden müssen: "Bitte, liebe Stadt, spring ein!"

Besonders sauer ist allerdings das Stadttheater/Walfischgasse, das sich in der ehemaligen "Kleinen Komödie" niedergelassen hat, gut gestartet ist, aber keine Produktionssubventionen bekommt. Stadttheater-Geschäftsführer ist Erwin Javor, Gatte der künstlerischen Leiterin, Anita Ammersfeld, Eigentümer der Stahlhandels-Firma Frankstahl: 460 Mitarbeiter, fast 200 Mio € Umsatz. 500.000 Euro hat Javor aus seinem Privatvermögen alleine in den Theater-Umbau gesteckt, 50.000 Euro Baukostenzuschuss (10 Prozent) von der Stadt bekommen, viele Anträge für Subventionen ausgefüllt und einen kafkaesken Marsch durch die Institutionen erlebt: Fortwährend verschobene oder abgesagte Termine, keine Antwort auf seine Schreiben, verschwundene Akten.

Ist das Stadttheater nicht eher eine Boulevard-Bühne? "Keineswegs!", betont Javor: "Wir wollten uns bewusst absetzen von der Kleinen Komödie. Wir begannen daher an Hitlers Geburtstag am 20. April 2005 mit einem Stück über das Schicksal von Fritz Löhner-Beder, Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi. Löhner-Beder und Grünbaum sind im KZ umgekommen, nur Leopoldi konnte sich retten." Seit der Eröffnung gastierten u. a. Erika Pluhar und Werner Schneyder in der Walfischgasse, Ernst Stankovski, Christiane Hörbiger; Nina Proll spielte "Babytalk"; zuletzt zeigten die Festwochen den "Don Giovanni Komplex" und die "opera piccola", eine ungewöhnliche Version von Glucks "Iphigenie auf Tauris".

Die Auslastung wirkt mit 62 Prozent nicht sehr hoch. Javor: "Wir sind auch noch nicht lange da und wir beginnen erst mit dem Marketing, vor allem im Tourismus. Ab der nächsten Saison bieten wir eine Art Abo an, ab fünf Karten gibt es eine Ermäßigung." Wenn keine Subvention kommt, das nächste Gespräch mit der Stadt ist morgen, Dienstag, wird das Stadttheater weiter bestehen? "Selbstverständlich, weil es Freude macht", betont Javor und berichtet: "Wir wollten nicht sofort Subventionen verlangen. Wir wollten erst einmal zeigen, was wir können. Trotzdem haben wir natürlich alle Anträge ausgefüllt. Wir verstehen nicht, warum alle anderen vergleichbaren Bühnen Betriebssubventionen bekommen, die Drachengasse 600.000 Euro, das Lustspielhaus 300.000 Euro, und ausgerechnet wir nicht. Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Wir befinden uns in einem verzerrten Wettbewerb." Dieser erinnert Javor an die Stahlbranche: In den Kreisky-Jahren haben die Verstaatlichen Betriebe hohe Summen vom Staat bekommen. Dennoch ging es ihnen schlecht, den Konkurrenten auch, und viele Mitarbeiter verloren trotzdem ihren Job.

"Heute floriert die Voest, wir ebenso und es werden auch wieder Leute eingestellt." Also weg mit den Subventionen? "Das nun wieder nicht. Man braucht sie, vor allem für Minderheitenprogramme, Experiment. In Wien ist es aber so, dass sich die Theatermacher gar nicht ums Publikum kümmern, denn nur wenn sie wenig oder keine Besucher locken, erhalten sie öffentliches Geld. Uns sagt man, ihr kriegt nichts, bei euch tritt die Pluhar auf, ihr habt sowieso genug Besucher. Das ist doch absurd! In Wahrheit ist es ein System der Pragmatisierung, jeder kriegt sein Geld aus der Gießkanne. Das fördert Lethargie, Bequemlichkeit. Jede Transparenz fehlt. Offenbar muss man die richtigen Leute kennen," vermutet Javor

Was sollte man ändern? "Zunächst einmal müssten alle Theater von einem Wirtschaftstreuhänder durchleuchtet werden, um vergleichbare Daten über die Kosten zu bekommen. Da wird sehr viel Geld raus geworfen. Z. B. indem alle Theater ihre eigenen technischen Equipments anschaffen. Wenn man einen Pool hätte, wäre das viel rationeller. Dann sollte jede Bühne einen Teil ihrer Kosten selbst aufbringen: Ein Drittel Subvention, ein Drittel Einnahmen, ein Drittel Sponsoren." Gerechtigkeit gibt es nicht in der Kunst. "Mag sein. Aber: Meine Frau und ich waren bei ,Mozart Werke GmbH' in der Burg. Wir hatten uns spontan entschlossen. Die besten Karten kosteten 25 Euro. Zwei Karten! Weil es eine Stunde vor Beginn der Vorstellung einen 50prozentigen Rabatt gibt. Also 12.50 € pro Ticket, bei uns kostet die billigste Karte 19 €. Das Burgtheater spielt ,Arsen und Spitzenhäubchen'. Wenn wir das machen würden, hieße es: Das ist Boulevard. Und dann werden noch die Karten verschleudert. Wie soll man da mithalten? Das ist doch grotesk."

Trotz aller Ärgernisse: "Ich kann unser Modell nur empfehlen", meint Javor. Das Stadttheater vermietet einen Teil seiner Räumlichkeiten; Kunden und Lieferanten von Frankstahl besuchen gern die Vorstellungen; die Firma hat auch die Renovierung realisiert. Wenn Subventionen kommen, wird es eben mehr Eigenproduktionen und mehr Vorstellungen geben. Nur manchmal kommt Javor ins Grübeln: "Wie wird man Millionär mit einem Theater? Indem man vorher Multimillionär war."

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