Der Alpha-Mann

Dschingis Khan. Mongolen auf der Schallaburg.

E
in Reich wie er hat kein anderer zu sammengerafft - auf dem Höhe punkt reichte es von Korea bis vor Wien -, zerfallen ist es doch. Aber sein Erbe blieb, nicht nur in der Erinnerung an die Mongolenstürme, auch leibhaftig: 16 Millionen Männer quer durch Asien - sie stellen jeden 200. Mann auf dem Erdenrund - haben so eng verwandte Y-Chromosomen, dass sie auf einen einzigen Ahnen weisen, der vor nicht ganz tausend Jahren in der Mongolei lebte: Temudschin, der Schmied, vor 800 Jahren einte er die mongolischen Stämme und wurde zum Dschingis Khan ausgerufen, einer der Gen-Analytiker nannte ihn später den "ultimativen Alpha-Mann" (Journal of Human Genetics, 72, S. 718).

Ob er wirklich der Ahn ist, weiß niemand, man weiß nicht, wo er begraben wurde, man weiß nur wie: 2000 Soldaten haben ihn irgendwo beigesetzt, bei der Rückkehr wurden sie getötet, dann wurden die getötet, die sie getötet hatten, damit war jede Spur mit Blut getilgt. Das passt zum Leben des Dschingis Khan, der über Berge von Leichen emporstieg und folgendes Motto hatte: "Das höchste Glück des Mannes ist, seine Feinde zu zerschlagen und ihre Frauen und Töchter in seine Arme zu drücken", die Schönsten waren für den Khan reserviert, sonst hatte beim Beutemachen und Vergewaltigen keiner ein Privileg, der einfache Soldat durfte so hausen wie der General.

Darin zeigt sich die andere Seite des Herrschers, er war kein hirnloser Totschläger, er revolutionierte die Organisation von Armee und Reich - Ämter gab es nicht mehr nach Verwandtschaft, sondern nach Verdienst -, er ließ zur Verwaltung eine Schrift erfinden, er ließ Unterworfenen religiöse und kulturelle Freiheit. Wer sich allerdings nicht unterwarf, büßte bestialisch, auch das gehört zur Strategie von Dschingis Khan: psychologische Kriegsführung. Seine Reiter waren die wendigsten, aber noch rascher kam der Ruf ihres Schreckens voran, erst nach Osten - 1215 nahmen sie Peking -, dann nach Westen, 1219 zogen 200.000 Mann los, sie kommen weit, aber 1227 stirbt Dschingis Khan. Die Macht übernimmt sein Sohn Ögödai, das Heer im Westen dessen Sohn Batu: 1237 Moskau, 1240 Kiew, 1241 Krakau, Mitteleuropa ist am Ende, die Mongolen wenden sich nach Süden, 1241 Buda, Wien ist nicht weit.

Da stirbt Ögödai, sein Sohn muss zurück. Jetzt, 800 Jahre später, kommen ihre Erben wieder, in ganz friedlicher Absicht: "Dschingis Khan und seine Erben", heißt die heurige niederösterreichische Landesausstellung, sie ist aus Bonn gekommen und wurde vom Direktor des Kunsthistorischen Museums, Wilfried Seipel, um Leihgaben aus der Mongolei und dem Wiener Völkerkunde-Museum angereichert. Zu sehen ist sie ab 31. März, bis dahin sollte auch der Katalog adaptiert sein, noch fehlen die politischen Geleitworte aus Bund und Land, man muss sich mit einem erborgten Exemplar aus Bonn behelfen: Es zeigt die gesamte Geschichte der Mongolei, vom dritten Jahrhundert vor Christus bis heute.

Auch heute gibt es Erstaunliches, viele Mongolen sprechen deutsch - sie hatten engen Kontakt mit der DDR -, zu ihnen gehört Herr Enkthaivan, Botschafter in Wien. Also konnte man ihn bei der Präsentation der Ausstellung am Mittwoch ohne Übersetzer fragen, ob er selbst ein Nachkomme von Dschingis Khan sei. "Direkt kann ich das nicht sagen, aber ich glaube schon."

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