Christoph Widauer durchmisst im Schweinsgalopp "Die letzten Tage der Menschheit".
Bereits zum zweiten Mal zeigen die Festspiele Reichenau im feenhaften Südbahnhotel auf dem Semmering "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus. 2000 hatte Hans Gratzer inszeniert, mit Christoph Widauer als Bearbeiter. Diesmal hat Widauer die szenische Fassung erarbeitet und Regie geführt. In Wien leitet er mit Julia Reichert das Kabinetttheater - spezialisiert auf Marionetten und groteske Minidramen, ein literarisch-theatralisches Unternehmen von geringer Innovation, aber großem Charme.
Fast 800 Seiten umfasst die Suhrkamp-Ausgabe der "Letzten Tage". Widauers Kürzungstechnik wirkt chaotisch mit ihren willkürlichen Szenen-Kombinationen aus verschiedenen Akten, ihren jähen Abbrüchen. Wer ist wer? Man muss ins Buch schauen, will man sich präzise orientieren.
Das heutige Theater krallt sich gern alte Stoffe, bricht Bruchstücke heraus - und wirft sie dem Zuseher vor, in der Hoffnung, dass dieser sich nicht trauen wird zu sagen: Was soll das? Ich verstehe nicht. Der Besucher will nicht dumm erscheinen. Also schweigt er - und nimmt sich vor, nächstens den Text vorher zu lesen. Gescheiter wäre es, das Theater würde sich darauf besinnen, dass es ein Modell zur Welterklärung ist, und dieser Aufgabe auch entsprechend nachkommen, statt wie ein schlechter Lehrer die eingeschüchterten Schüler mit seinem "Geheimwissen" zu bewerfen.
Die erste halbe Stunde der Aufführung vergeht mit einem Bombardement seltsamer Begebenheiten und Zitate. Ein Kritiker-Kollege meinte, man fühle sich wie im japanischen No-Theater. Überdies wirkten die Schauspieler noch nicht richtig aufgewärmt, sodass man genau das zu sehen bekam, was Widauer wie jeder andere Letzte-Tage-Regisseur vermeiden wollte: ein papierenes Panoptikum, Schießbuden-Figuren aus ferner Zeit. Im Vorjahr war im Südbahnhotel "Der Radetzkymarsch" von Joseph Roth zu sehen, in einer Bearbeitung von Helmut Peschina: viel besser, weil klar, informativ. Dabei ist die Vorlage weniger spannend und modern als der Kraus-Text.
Die Passagen im Südbahnhotel sind als Klammer angebracht, als wollte man dem Publikum sagen: Ihr da, im tollen Saal, ihr seid gemeint! Ein billiger Trick. Betroffen fühlt man sich deswegen noch lange nicht.
Schwer zu sagen, warum sich Kraus' Stück mit seiner bildhaften Sprache so schwer bebildern lässt, wohl eben weil es ein Sprach-Kunstwerk ist und auch seine Bilder aus Sprache bestehen. Der Eindruck, der Text sei ein Film, ist vermutlich letztlich eine Illusion. Auf jeden Fall hat das Werk immer wieder große Vorleser und Rezitatoren gefunden, Kraus selbst, vor allem aber Helmut Qualtinger. Diese Rolle füllt in Reichenau auf das Feinste Peter Matic aus. Immer wieder ist es bewundernswert, wie dieser Schauspieler Welten aus Worten zu zaubern versteht, ohne auch nur die Spur zu agitieren: reglos, gelassen, souverän.
Wenn Matic spricht, wird nicht von Katastrophen geschwätzt, sondern sie finden wirklich statt; die Geschichte vom blonden Dalmatiner-Knaben, der von seiner Mutter weggerissen und getötet wird, ebenso wie im Finale der Beschluss der Götter, die verwüstete Erde auszuradieren.
Wolfgang Hübsch entzückt einige Male mit breitem Burgtheater-Pathos, als Schullehrer, schießwütiger Priester und vor allem als gieriger Greißler mit dem lautmalerischen Namen Chramosta. Jürgen Maurer gefällt als Yuppie-Redakteur. Mercedes Echerer hat in ihr schmales Spiel-Talent die Rhetorik ihres politischen Intermezzos integriert, sieht sehr gut aus und ist eine brauchbare Alice Schalek. Als ein Kanonier bekennt, er denke sich nichts beim Abfeuern seiner Geschütze, ist die Schalek sauer: "Und das nennt sich ein einfacher Mann! Ich werde den Mann einfach nicht nennen!" Rainer Frieb spielt u. a. einen Husaren-Offizier und tritt schauspielerisch auf der Stelle, Ähnliches gilt für Eduard Wildner. Astrit Alihajdaraj berührt als von seiner Frau betrogener Soldat im Lazarett.
Die vielen jungen Schauspieler sind recht nett, aber noch nicht sehr profiliert. Ihre beste Szene ist das Kriegsspielen im zweiten Teil, die zweitbeste jene in der Schule (Teil I). "Die letzten Tage" sollten mit Typen besetzt sein, aber mit erstklassigen. Bei der Gratzer-Fassung war das anscheinend der Fall: Otto Schenk, Bernd Birkhahn, Rudolf Melichar beherrschen den "Ton".
Immer wieder opfert Widauer die Aussage dem Effekt, speziell am viel zu operettenhaften, in Wahrheit apokalyptischen Ende, das wiederum Matic rettet, nachdem Gabriele Schuchter fröhlich Schnedderereng, schnedderedeng geschmettert hat, als Totenkopf-Husar! Einer von vielen sinnlosen Einfällen in dieser Aufführung, die peinlich beflissen versucht, ein gewaltiges Drama vermeintlichen heutigen Spektakel-Bedürfnissen anzupassen. Holloderia!