Burgtheater. Nestroys "Höllenangst" wurde bei der Ankunft in Wien freudig begrüßt.
Etwas klapprig startet das Burgtheater in die neue Saison. Nach der Erkrankung von Andrea Breth ist das Großprojekt "Wallenstein" vorderhand auf Jänner verschoben. Breth ist noch für eine weitere Premiere vorgesehen: "Das Haus des Richters" vom Bulgaren Dimitr© Dinev; Uraufführung Februar 2007. So steht es auf der Theater-Homepage.
Bis Dezember ist man auf Übernahmen aus Salzburg - Nestroy, Handke - angewiesen und aufs umfangreiche, aber gemischte Repertoire. Da kann es schon passieren, dass gleich zweimal hintereinander im großen Haus die witzige Petitesse "Kunst" gespielt wird oder der eher matte, bunte Abend "Mozart Werke GesmbH".
Nach der Jahreswende geht es dann Schlag auf Schlag: Ein Shakespeare nach dem anderen, insgesamt vier sind für diese Spielzeit avisiert. Man fragt sich, wie das alles funktionieren wird. An der Spielplan-Restrukturierung wird gearbeitet, heißt es.
Was für ein Glück, dass "Höllenangst" da ist: Martin Kusejs Salzburger Inszenierung, streng genommen eine Wiederaufnahme, die zudem bis 5. Oktober nur viermal auf dem Programm steht. Vielleicht weil für die Akteure zwischen den Vorstellungen genug Zeit sein muss, sich im Fitness-Zentrum zu stählen, denn das Ding sieht äußerst schweißtreibend aus: Joggen, Fliegen, Turnen, Abstürzen . . . Der Clou der Aufführung ist genau das. Nestroy als altertümliche Maskerade, Nestroy schräg modernisiert, als böse Satire, als Psychodrama, als trübes Zeitbild. Längst hat man sich daran gewöhnt, dass es bei Nestroy wenig Neues gibt. Man mag ihn oder man mag ihn nicht. Die Interpreten erträgt man notgedrungen.
Und dann kommt Kusej daher, packt ein schwaches Stück und macht daraus ein Road-Movie mit viel Slapstick.
"Höllenangst", ein schwaches Stück? Aber, aber! Das Programmheft baut Theorie-Burgen rund um Teufel, Neo-Absolutismus und moderne Stadtentwicklung. Das ändert nichts daran, dass vor allem die Upper-Class-Story, wie oft bei Nestroy einem französischen Lustspiel entnommen, wirr ist. Die komischen Szenen wirken wie hineingeklebt und notdürftig verkittet mit dem französischen Original. Natürlich ist "Höllenangst" trotzdem kein Pfusch. Es hat einige köstliche Figuren, Wortwitz, Hellsicht.
Trotzdem ist es vielleicht doch kein Zufall, dass die unmittelbar nach der 1848er-Revolution und unter ihrem Eindruck geschriebene Posse (UA: 1849) erst wieder 1948 von Karl Paryla und dann 1961 in der Josefstadt gespielt wurde, mit Hans Moser als hinreißendem Schuster Pfrim. Solche Sternstunden zu "toppen", wie man heute sagt, ist nicht leicht. Noch dazu, da in der jetzigen Aufführung das bundesdeutsche Idiom dominiert; die Komik Hochdeutsch Sprechender, die Wiener Dialekt imitieren, ist bestenfalls eine unfreiwillige. Dennoch: Martin Schwab schafft - wie schon bei Hofmannsthals "Unbestechlichem" in Reichenau - eine eigene Melodie, fast möchte man sagen, Symphonie, für den Pfrim. Wie er über die Bühne torkelt, fortwährend leicht im "Öl", aber wenn's drauf ankommt, stocknüchtern, schwankend zwischen obstinatem Widerstand gegen die Mächtigen, flinkem Opportunismus und Drückebergerei, das rückt Schwab in die Nähe von großen Nestroy-Darstellern wie Otto Schenk - und hat doch etwas ganz Unverwechselbares.
Nicholas Ofczarek spielt mit angestrengter Verve Pfrims Sohn Wendelin. Seine stärksten Momente hat er mit dem Vater und in der sozialen Anklage. Die Couplets sind gestrichen. Bar-Sänger Louie Austen bringt hübsche Songs zu Gehör, was effektvoll, aber beliebig wirkt. Wenn weder Wendelin noch Pfrim räsonieren, es nicht donnert, keine Pistolen krachen oder einer aus den Sperrholz-Türen von Martin Zehetgrubers Bühnenbild kippt, macht sich Leere breit.
Am Ensemble kann es kaum liegen, es absolviert alle Kunststückchen tadellos. Kusej hat Nestroy auf die Feydeau-Maschine gesetzt. Es rattert und knattert gehörig, das Publikum schien belustigt. Allerdings wirkt die Aufführung teilweise sehr gepresst, mechanisch. Vielleicht wäre mehr Emotion statt Körper-Virtuosität besser gewesen.