Interview. Regisseur Stephan Kimmig über das viele Reden im "Torquato Tasso", große Konflikte und die Burg.
Die Presse: Ein Schauspiel über Dichtkunst und Staatskunst, ein Klassiker, ein Zitaten-Bergwerk: Was haben Sie in Goethes "Torquato Tasso" gefunden? Das Stück wirkt insofern schwierig, als es hauptsächlich aus sehr langen Dialogen besteht. Gab es Probleme?
Stephan Kimmig: Nein. Natürlich muss man den Text streichen. Wir haben ihn etwa um ein Drittel reduziert. Es ist ein sehr kühl bedachtes, durchkomponiertes Werk, alles sehr wohl gesetzt. Man hat den Eindruck, Goethe versteckt sich schlussendlich hinter dieser Riesenkonstruktion. Wir wollen weg kommen von der Geschliffenheit der Dialoge, hin zu den Ängsten, Konflikten und Abgründen. Mir kommen alle fünf Figuren wie Glückssucher vor. Dieses Thema ist keineswegs auf Tasso beschränkt. Ein weiteres ist: Wie weit kann man gehen, wie viel ist gestattet in einer Freundschaft, wann beginnt man den anderen auszunutzen? Wie viel Nähe und wie viele Konflikte hält eine Beziehung aus, ohne dass etwas zerbricht?
Was lockt die Menschen heute ins Theater?
Kimmig: Ich verspüre bei vielen Leute ein starkes Bedürfnis, gerade in der Theaterkunst, dabei zu sein, wie Konflikte ausgetragen werden, wie man mit Konflikten umgeht, wie man sie lebt, wie man sie verschweigt, wo man sie hin tut, weil es gerade nicht passt, weil sie in einer durchrationalisierten Fassung von Leben vielleicht keinen Platz haben. Es gibt da diesen Druck - immer schneller, immer höher, immer weiter - und in dem bleibt sehr viel vom tatsächlich gelebten Leben auf der Strecke. Man fragt sich: Wo sind denn meine Freundschaften? Wo sind denn meine Lieben? Man will sich auseinander setzen mit anderen Menschen und nicht nur von einem Termin zum anderen laufen. Das ist das Spezielle am Theater, das Herausragende, das Großartige, dass man spürbar feststellen kann, wie man mit diesen Kämpfen, die da in unserer Gesellschaft sind, umgeht. Es gibt ja große Kämpfe in unserer Gesellschaft. Die muss man auf die Bühne bringen - in einem eigenen, verdichteten Kunstraum. Nehmen Sie Arbeitskonflikte. Die müssen gelöst werden, dann sind sie weg. Die Maschine läuft wieder. Das Theater zeigt, dass die Maschine auch ins Stocken kommen, stehen bleiben kann oder vielleicht gar nicht mehr weitergeht. Natürlich muss man sich im Klaren sein, was man tut, darf nicht einfach naiv irgend etwas heruntererzählen. Aber man muss auch versuchen, wegzukommen von den Behauptungen. Wenn ich an die großen Auseinandersetzungen denke, die wir im Moment haben - zwischen dem Islam und dem Westen, und wenn ich dann höre, dass es schnelle Lösungen geben soll, also Botschaften schließen, und wir hauen ab und zack, jetzt reicht's - diese schnellen einfachen Lösungen gibt es nicht mehr. Es ist alles sehr kompliziert geworden.
Man kann nicht aussteigen, auch wenn man das gern tun möchte. Das Ende bleibt offen.
Kimmig: Ja. Die Frage ist: Wie kann man einen Diskurs aushalten, wie kann man eine Nähe herstellen, wie kann man sich so auseinander setzen, dass in der Reibung etwas übrig bleibt, was das Leben lebenswerter macht? Das ist auch ein sehr wichtiger Punkt im "Tasso". Alle in diesem Stück wollen zusammenkommen. Aber alle wissen, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Man will das Unmögliche schaffen, dass man doch die Grenze überwinden kann, dass es sich lohnt zu kämpfen, im Dialog zu bleiben, auch wenn das Resultat keines ist. Es gibt keine Versöhnung, aber es gibt die Anstrengung. Und am nächsten Morgen diskutiert man weiter. Letztendlich kommt es zu nichts. Vielleicht ist es aber gerade das, worum es geht, dass man sagt: Es lohnt sich der Diskurs nicht erst, nicht nur bei einem greifbaren Resultat. Es reicht, dass man es probiert, mit allen Möglichkeiten.
Wie ist es, am Burgtheater zu arbeiten? Anders als am Deutschen Theater in Berlin?
Kimmig: Das Burgtheater zeichnet sich erst einmal dadurch aus, dass es wahnsinnig viele Schauspieler hat. Diese kaum zu überschauende, unendliche Zahl von Schauspielern gibt es nirgends. Auch technisch sind die Möglichkeiten enorm. Requisite, Technik, Ton, Licht - das kann sich keine andere Bühne im deutschsprachigen Raum leisten. Ein Geschenk. Die Techniker sind immer dieselben, sie wechseln nicht während einer Produktion. Das ist sehr hilfreich. In Deutschland gibt es das nicht mehr, weil man dafür viel mehr Leute bräuchte.
Was ist typisch, was trennt die jetzigen Regisseure von der vorherigen Regie-Generation?
Kimmig: Bei den Jüngeren gibt es wieder eine große Begeisterung für die Schauspieler, also eher weg vom Konzept-Theater.
Wie geht es dem deutschen Theater? Es gibt ein großes Jammern wegen der Auslastung. Vielleicht ist das Angebot zu groß?
Kimmig: Glaub ich nicht. Es ist auch sehr unterschiedlich. Mein Stammhaus, das Thalia Theater, hat eine tolle Auslastung. Wir haben 1000 Plätze, das ist viel. Es gab allerdings einen großen Umschwung, als Jürgen Flimm ging. Tausende haben ihr Abonnement gekündigt. Flimms Nachfolger Ulrich Khuon hat das dann wieder ausgeglichen. Zwei Jahre hat das ungefähr gedauert. Es war am Anfang auch nicht leer, es gab aber starke Umschichtungen. Jetzt geht das Thalia wieder ganz wunderbar.
Wollten Sie nie Intendant werden?
Kimmig: Nein. Ich bin zwar gefragt worden, aber das werde ich nicht tun, ich brauche sehr viel Zeit fürs Inszenieren. Wenn ich mir den Arbeitstag von Ulrich Khuon ansehe, dann wüsste ich nicht einmal ansatzweise, wo ich noch Zeit für die Vorbereitung von Stücken finden sollte, die ist dann gar nicht mehr da, denn da geht es von morgens bis abends durch. Man muss immer nur Probleme lösen, ist immer nur für andere da.
Welche Projekte haben Sie? Machen Sie bald wieder eine Inszenierung am Burgtheater?
Kimmig: Ja, aber was, kann ich noch nicht sagen. Ich möchte jetzt auch weniger auf Reisen sein. Meine Kinder sind noch klein.