Festwochen: Kaputt in einer kaputtgeschlagenen Welt

Simon Stephens Kriegsdrama "Motortown" bei den Festwochen im Museumsquartier, erschütternd.

Auf der karg dekorierten Bühne - Lautsprecher-Boxen, ein Tisch mit Mikro - werden Sessel gerückt, geschleudert, gekippt, wieder aufgestellt. Wie sitzen wir saturierten Bürger fern vom Krieg? Wackelig. Das Londoner Royal Court Theatre, seit Jahrzehnten Geburtsstätte neuer Autoren, gastiert mit "Motortown" von Simon Stephens im MQ; der 35-Jährige gilt als Shooting-Star. In Graz, bei den Salzburger Festspielen waren seine Stücke zu sehen; Theater heute bejubelte die in Zürich von Karin Beier inszenierte Familiensaga "Am Strand der weiten Welt", die allerdings nicht überrannt sein soll. Vielleicht zu weit weg von uns diese urbritischen Sozial-Dramen à la Harold Pinter oder John Osborne? Weit weg ist er tatsächlich, der Krieg in "Motortown". Doch er schickt einen Abgesandten in die Heimat, den Soldaten Danny, der in Basra diente.

Danny war im TV. Das freute die Eltern. Aber was hat er erlebt? Seine Erzählungen klingen teils harmlos (bloß den Flughafen bewacht), teils fürchterlich (Schleif-Methoden, Folterung irakischer Gefangener). 40 Bahnen schwimmt er und läuft meilenweit. Seine Muskeln beeindrucken die Fernsehproduzentin Helen. Ihr Softie-Mann, ein Lehrer, wäre einem flotten Dreier nicht abgeneigt. Helen macht sich an Danny heran, der aber rastet aus - und beschimpft das Paar, das an einer Friedensdemo teilgenommen hat. Zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte schon ziemlich weit gediehen . . .

Danny hat die 14-jährige Jade an einen einsamen Strand gelockt und ermordet. Er hat Wahnvorstellungen von Minderjährigen mit Burka, darunter verborgen: Sprengstoff. Die Freundin hat Danny verlassen, sie fand seine Briefe unheimlich. Beim Bruder schlüpft Danny unter: Die beiden verbindet eine inzestuöse Beziehung. Klingt alles nach einem Brit-Pop-Theaterknaller wie "Shoppen und Ficken" von Mark Ravenhill.

So viele Geschichten wurden schon vom Krieg erzählt, banale und kunstreiche, klassische und aktuelle. Warum ist gerade "Motortown" so beunruhigend, dass das Werk in England eine Debatte über seine Tendenz (Kriegs-, Antikriegsdrama) auslöste? Nun, unsere "Boys" sind ja nicht im Irak. Warum also kann man nach dieser Vorstellung kaum die Füße heben? Und hat im Magen so ein erschrecktes Gefühl wie damals nach Ariane Mnouchkines Atriden-Marathon?

Stephens erzählt mehr als die alte Geschichte vom Soldaten, der wie in Borcherts "Draußen vor der Tür", ebenso in vielen Vietnam-Aufarbeitungen daheim nicht mehr Fuß fassen kann. Stephens schildert auch die Perversionen der "Heimatfront": Rassismus, Ausbeutung der Natur, Großstadt-Elend, Waffen-Spielereien, sexuelle Abgründe. Das tut er psychologisch prägnant, unparteiisch - und wunderbar lakonisch. So hat Ramin Gray auch inszeniert. Das Ensemble ist großartig: Ony Uhiara als freches Teenie-Girl, Daniela Denby-Ashe als Dannys Exfreundin Marley, der apokalyptische Zyniker Paul (Richard Graham) oder Dannys Bruder Lee (Tom Fisher), allen voran aber: Daniel Mays als Baby-Face Danny, ein Tor, ein Kind, ein Verzweifelter, ein Mörder.

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