Quatsch keine Opern!

Festwochen. Jossi Wieler scheitert bei "Yotsuya Kaidan" auf hohem Niveau.

Zweimal Konzeptkunst bei den Fest wochen. "Delirium" von der Schweizer Gruppe Plasma im Schauspielhaus: Sechs Personen sitzen in einer Bar, brabbeln vor sich hin, während ein wissenschaftlicher Text verlesen wird, ebenfalls nicht sehr deutlich. Nichts gegen Wissenschaft im Theater, aber so? Als ein Mann slapstickartig auf einem Barhocker zu turnen beginnt, was bemühte Heiterkeit im Publikum erzeugt, flieht die Rezensentin das Marthaler-Derivat . . .

Festwochen sind keine Normal-Zeit. Man möchte das Besondere sehen. Manchmal ist das Besondere bloß "bsonders" - läppisch, weil sich z. B. wie bei "Delirium" das Konzept tödlich aufs Theater auswirkt. Auch Jossi Wielers "Yotsuya Kaidan - Gespenstergeschichten aus Yotsuya" von Tsuruya Namboku (lesen Sie erst weiter, wenn Sie diese Wortfolge fehlerlos im Schnellsprech absolvieren können!) folgt einem Konzept.

Wieler, der vor zehn Jahren mit Jelineks "Wolken.Heim" in Hamburg (und Wien) Aufsehen erregte und zuletzt vor allem in Stuttgart erfolgreich Opern inszenierte, fusioniert bei "Yotsuya Kaidan" die besonders grausamen japanischen Splatter-Movies mit einem 180 Jahre alten Kabuki-Stück.

Die Idee ist, in der heutigen (japanischen) Gesellschaft die traditionellen Strukturen sichtbar zu machen. Das Schönste ist das Bühnenbild: eine U-Bahn-Station ohne Geleise. In diesem Underground spielen sich Tragödien ab. Scheinbar zufällig kommen Figuren aus einem Aufzug, verschwinden wieder darin.

Es beginnt harmlos: Ein junger Familienvater wirft begehrliche Blicke auf ein hübsches Mädchen mit Stiefeln und kurzem Röckchen. Ein anderer Mann umwirbt eine Frau, die ihn zurückweist. Als er erfährt, dass sie Prostituierte ist, will er sie kaufen. Die Prostituierte ist mit einem Samurai verheiratet, der sich, wutentbrannt ob des unmoralischen Lebenswandels seiner Gattin auf sie stürzt. Der Familienvater verlässt seine Frau und nimmt sich das Mädchen; dessen Eltern kaufen ihrer Tochter den Mann, der auf gesellschaftlichen Aufstieg hofft. Seine Ex-Frau wird des Seitensprungs beschuldigt, mit ihrem Liebhaber auf eine Tür genagelt und in den Fluss geworfen, zuvor entstellt ein Gift-Trank ihr Gesicht . . .

Am Ende bevölkern fast nur mehr Tote und Gespenster den Underground, in dem von fernher immer wieder bedrohlich die U-Bahn braust, die aber nie den Weg finden kann in diesen abgelegenen Winkel der Zivilisation, wo Menschen einander in einem anarchischen Ritual zerfleischen, nachdem sie aus ihrer Wirklichkeit herausgestürzt sind. Ihre Alltagskleider sind nur mehr Folien, unter denen sie sich aufzulösen scheinen (Ausstattung: Kazuko Watanabe). Eine interessante Idee. Allerdings kann man sich in den abgerissenen und immer wieder abreißenden Episoden nicht durchgehend ein Bild machen, was vorgeht. Außerdem wirkt die Aufführung sehr statisch, teilweise leblos wie eine Oper ohne Musik.

Wieler hat das Kabuki, eine stark stilisierte Theaterform mit einer bizarren Hochsprache, sozusagen von seinen Wurzeln abgeschnitten; die Figuren tragen ihre Ungeheuerlichkeiten zurückhaltend, fast lakonisch vor, szenische Anweisungen werden einfach dazu gesprochen. Gespielt wird in japanisch, genauer alt-japanisch. Der deutsche Text flimmert über der Bühne dahin, in den ersten Reihen muss man sich fast den Hals verrenken, um die Worte wahrzunehmen.

Wieler wollte die Schauspieler zu lebendigem Spiel animieren, zur Selbstentäußerung, was in Japan, anders als in Europa, offenbar nicht üblich ist; speziell wohl nicht im strengen Formen-Kodex des Kabuki. Die stärkste Ausstrahlung entfaltet denn auch der Peter-Brook-Schauspieler Yoshi Oida. Am Ende hat man das Gefühl, einem rigiden Exerzitium beigewohnt zu haben, einer Sprechoper für Insider, der es schlicht an theatralischer Vitalität fehlt - und die infolgedessen mehr ermüdet als begeistert: Auch wenn man spüren, sehen kann, dass sich hier jemand tiefe Gedanken gemacht hat.

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