Bestialität im globalen Dorf

JOSEFSTADT-PREMIERE. Max Frischs "Andorra", souverän revitalisiertes Lehrstück.

H
omo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen Wolf. Ob Max Frisch daran dachte, als er unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses "Andorra" (UA: 1961) schrieb, ist unbekannt. Jedenfalls glaubte Frisch nicht an die jäh von außen, oben hereinbrechende Katastrophe. Die Bestialität ist für ihn Teil der Normalität. Bei nichtigem Anlass, oft auch ohne diesen, bricht sie hervor.

Im "weißen" Andorra lebt es sich friedlich. Leider gibt es drüben, über der Grenze, die bedrohlichen "Schwarzen". Sie verfolgen die Juden. Der andorranische Lehrer rettet den Judenknaben Andri und zieht ihn auf. Andri hat unter den Vorurteilen gegen die Juden schwer zu leiden. Weil er immer nur ans Geld denkt, darf er nicht Tischler, sondern muss Verkäufer werden. Er liebt des Lehrers Tochter, die aber wird ihm verweigert. Denn die vermeintliche Rettungsaktion war gar keine, und Andri ist auch kein Jude. Der Lehrer zeugte ihn mit einer "Schwarzen" von drüben . . .

"Andorra" ist ein Lehrstück auf Brechts Spuren, Frisch bewunderte ihn. Mit Scharfblick hat er seine Versuchsanordnung entworfen, sie ist keineswegs rein politisch gedacht. "Du sollst dir kein Bildnis machen" lautet das (biblische) Motto des Werkes. Was wir in die Mitmenschen hineinprojizieren, prägt sie, auch wenn es falsch ist. Lehrstücke geraten leicht trocken, hermetisch. "Eine Sammlung antisemitischer Verhaltensweisen auf zwei Beinen", nannte FAZ-Kritiker Georg Hensel die Charaktere in "Andorra", dennoch seien Parabel-Figuren selten so menschenähnlich geraten wie hier. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Josefstädter Aufführung.

Mal wirkt sie spröde-thesenhaft, dann wieder höchst lebendig. Der Grazer Peter Lotschak hat inszeniert, als älteres Semester, aber auch Ionesco-Spezialist, verzichtet er auf krasse Effekte, zeichnet aber genau die gespenstische Atmosphäre. Großartig: Susanne Thalers Bühnenbild: Ein Wolkenkratzer erhebt sich über dem dörflichen Ambiente mit Wirtshaus und Tischlerei. Im Schatten der Zivilisation blüht Atavismus. Die Gemütlichkeit im globalen Dorf ist Tünche. Blutdurst macht sich spontan breit.

Florian Teichtmeister brilliert als Andri, ein junger Mann voller Idealismus und Romantik, der an der ehernen Front des Hasses zerbricht. Passend mädchenhaft: Andris Verlobte und Schwester Barblin, Gerti Drassl; die Wahnsinnsszene am Schluss gerät ihr allerdings zu harmlos. Das Ensemble präsentiert sich konzentriert und in Best-Form: vor allem Toni Slama als Lehrer, Siegfried Walther als Pater, Alexander Waechter als Wirt, Alexander Grill als Tischler, Martin Bermoser als Soldat. Ein skurriles Aas: der Doktor (Toni Böhm), finster: Ronald Kuste als Judenschauer, bizarr: Alexander Strömer als Idiot. Ebenfalls außerordentlich: Miriam Japp als Andris wirkliche Mutter, warmherzig: Adelheid Picha als Andris Ziehmutter.

Josefstädter Aufführungen sehen einander häufig ähnlich. Da nützt es nichts, den ein oder anderen Pop-Song (hier übrigens wieder sehr passend von Brian Adams oder Bob Dylan) beizumischen. Die Ähnlichkeit ist wohl beabsichtigt. Das Verfremden von Texten ist an diesem Haus unbeliebt, es wirkt nicht selten auch anderswo ziemlich zwanghaft. Auch das "Klassische" ist eine Marke. Die Festspiele Reichenau leben seit vielen Jahren blendend davon. Allerdings: Die nächste Direktion sollte nach dem bis jetzt nicht schlecht gelaufenen letzten Lohner-Jahr das Programm innerhalb des konservativen Grundtons mehr variieren. Wie sagte Hans Weigel so treffend? Es gibt 1000 verschiedene Arten auf der Bühne, "Ja" zu sagen. Und es gibt 1000 verschiedene Möglichkeiten, gut klassisch Theater zu spielen. Die Josefstadt hat noch keineswegs alle ausgeschöpft. Immerhin hat sie derzeit einen halbwegs funktionierenden Spieler-Staff, neue Publikumslieblinge sind auch schon engagiert. Fehlt nur noch Diversität. Dann schaut die Zukunft so übel nicht aus.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.