Im Zinshaus "Zur letzten Hoffnung"

Uraufführung. Igor Bauersimas "Boulevard Sevastopol", gefällig, gut gespielt.

Das Leben ist ein Provisorium und der Mensch ein Nomade. Neun Emigranten suchen in Igor Bauer simas "Boulevard Sevastopol" Halt. Sie haben keine Chance, ihn zu finden, weil sie Illegale sind, abhängig von der Gnade eines im Luxus lebenden Schleppers. Klingt nach einer Räuberpistole, ist aber Alltag, auch in Wien, wo das Stück spielt. Da ist zum Beispiel Anna (Dorothee Hartinger). Sie bedient ihre "Kunden" und studiert Medizin. Aber die Statthalterin des Menschenhändlers, Dascha (Libgart Schwarz), will ihr den Pass nicht zurückgeben. Dascha ist krank, ihr Mann Kurt (Florentin Groll) hat ebenfalls seine Gesundheit ruiniert, bei einem Unfall in einem Kernkraftwerk. Pjotr (Johannes Krisch) ist aus politischen Gründen aus Russland geflohen und verdient sein Geld mit Schwarzarbeit. Er liebt die Putzfrau Larissa (Alexandra Henkel).

Beim ehemaligen Mafioso Georgji (Juergen Maurer) sitzt die Pistole noch immer locker. Ihren Ausstieg aus dem Milieu bereitet die lebenslustige Sängerin Sveta (Petra Morz©) vor, sie hat sich einen Diplomaten geangelt, doch der wird jetzt ausgerechnet ins verstrahlte Minsk versetzt. Das Kind Vienna (Melissa Aichholzer) wartet auf seine Mama, ebenfalls eine Prostituierte. Bloß wer ist wohl dieser Lev (Markus Meyer), der sich als Sohn des Schleppers ausgibt und die Miete kassiert - beim Neujahrsfest im Emigranten-Haus "Zur letzten Hoffnung"?

Igor Bauersima, 1964 in Prag geboren, ist Architekt, Musiker, Film-und Theaterautor. Einen großen Erfolg landete er mit "Norway.Today", in Wien im Volkstheater zu sehen: Zwei Menschen verabreden sich im Internet zum gemeinsamen Selbstmord. Bauersima zeigte am Akademietheater Neil LaButes "Das Ende vom Anfang", eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. Meist führt er allerdings Regie bei seinen eigenen Stücken, etwa bei "B©renice de Moli¨re", einer etwas manierierten Annäherung an klassische französische Dramatik, die im Akademietheater noch immer ausverkauft läuft. Die Uraufführung war 2004.

Auch bei "Boulevard Sevastopol", ebenfalls eine Uraufführung, ist Bauersima Autor und Regisseur in Personalunion. Er hat zudem die Bühne gestaltet. Darum gilt er als Multi-Talent. Die Inszenierung ist diesfalls interessanter als das Stück, nicht weil sie sich des spätestens seit Castorf allgegenwärtigen Videos bedient, sondern weil sie originelle Andeutungen setzt (das ewig fernsehende Kind schaut nicht in die Glotze, sondern in die Film-Schachtel). Die Aufführung wirkt auf ansprechende Weise konservativ, indem sie den überwiegend hervorragenden Schauspielern viel Raum lässt. Am meisten gefällt Dorothee Hartinger; sie hat die Gretchen-Blässe von Steins "Faust"-Inszenierung völlig abgestreift, spielt mit Charme und Aplomb die Anna - und verdrehte nebenbei Samstag im Klassik-Treffpunkt Otto Brusatti so gründlich den Kopf, dass man vermeinte, einem intimen Tªte- -Tªte und nicht einer Radio-Sendung zu lauschen.

"Boulevard Sevastopol" - der Titel bezieht sich auf die gleichnamige Pariser Straße sowie auf den Kurort an der Krim-Riviera - schiebt die Realität und eine Internet-Korrespondenz ineinander. Anna liebt Zed aus dem Chat. Sie will mit ihm nach Paris fliehen, weiß aber nicht, dass Zed Lev ist. Idee, Dramaturgie sind gut ausgedacht, die Verflechtung von Fiktion und Wirklichkeit verwirrt gelegentlich. Die Mischung von Ernst und Comedy sorgt für Amüsement. Was aber definitiv stört, ist die allzu bemüht konzipierte Zeichnung der Figuren - wie auf einem Reißbrett führen sie die Anweisungen des Autors aus, der penibel abhakt, was es zum Thema Emigranten zu sagen gibt.

Verglichen etwa mit Barbara Alberts brennendem "Nordrand" wirkt "Boulevard Sevastopol" fahl und konstruiert. Im Programmheft liest man, dass Bauersima und seine Ko-Autorin R©jane Desvignes "natürlich kein journalistisches Stück zum Multi-Kulti-Asylanten-Thema schreiben wollten". Ein Peter Handke oder ein Botho Strauß ist jedenfalls nicht daraus geworden, auch wenn Tschechow, fast noch stärker jedoch Gorki bei dem Drama Pate gestanden hat.

So sieht man "Boulevard Sevastopol" letztlich mit dem selben distanzierten, voyeuristisch angehauchten Interesse, das Medien-Dokumentationen zuteil wird - und gleich hat man das Ganze wieder vergessen.

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