Premiere. "Yvonne, die Burgunderprinzessin" im Volkstheater. Skurril und gelungen.
Am Hof von König Ignaz und Königin Margarethe herrschen Liebediene rei und Langeweile. Der Prinz will nicht heiraten. Aus Trotz wählt er die hässliche Prinzessin Yvonne. Die Mesalliance erregt Eltern und Hofstaat. Der Prinz macht einen Rückzieher. Was tun jetzt mit der überflüssigen Yvonne? Ermorden . . .
Mit 30 Jahren schrieb Witold Gombrowicz "Yvonne", eine schwarze Komödie mit vielerlei Bezügen. Die Hamlet-Paraphrase erinnert auch an Büchners "Leonce und Lena". Das Stück ist eine Satire auf die Aristokratie, ihren Fatalismus, ihr stures Festhalten an Tradition, namentlich in Polen. Resignation und Willkür sind kein Gegensatz. Alfred Jarrys wüster "König Ubu" ist in "Yvonne" präsent. Ebenso Surrealismus und Existenzialismus. Simpel gesagt plädiert das Werk für Individualität. Lasst dem Menschen seine Eigenart, akzeptiert ihn, egal, wie er sich gibt, wie er aussieht. Man stelle sich vor, ein fescher Finanzminister würde statt einer Society-Lady eine betagte Sandlerin ehelichen. Da wäre was los!
Gombrowicz' Privatleben spielt mit in "Yvonne". Homophilie, sein Hass auf Kritiker ("die intellektuellen Tanten") und seine Ablehnung schöner, eitler Schauspielerinnen, die er gern ignorierte, brüskierte. Ein Schalk und Philosoph war dieser Dichter aus polnischem Landadel, der 24 Jahre in Argentinien lebte, sich als Bank-Angestellter verdingte. 1969 starb er mit 64 in Südfrankreich an den Folgen seines Asthmas. Die VT-Produktion lebt von einem wagemutigen Einfall: Yvonne wird von einer alten Dame gespielt. Silvia Fenz würde in ein Elfriede-Jelinek-Stück passen. Lächerlich kostümiert - hellblonder Bob, rosa Röschen-Kleid, schwarze Stiefeln - stapft sie mit starrer Miene, wortkarg durch die bösartige, scheinheilige Hofgesellschaft, ein greises Girlie, das sich durch Verweigerung Respekt verschafft. Diese Yvonne weiß ganz genau, was läuft, sie kann sich auch, wenn nötig, wehren, aber sie muss mit ihren Kräften haushalten. Die Fremdheit des Dichters in der Welt spiegelt sich in dieser Figur ebenso wider wie die Absurdität, die eher im Normalen steckt als im "Abnormalen".
Absurdes Theater. Ja, das hat einigen Staub angesetzt, der zuletzt auch von manchen VT-Mimen rieselte. Cornelia Crombholz, die am Berliner Ensemble, am Münchner Residenztheater und in Graz inszenierte, hat die Mannschaft aufgeweckt. Hinreißend: die grässliche Gedichte schreibende Königin Margarethe (Beatrice Frey), ein skurriler Pantoffelheld voll kaum verhüllter Brutalität: Rainer Frieb als König Ignaz mit Buntpapier-Krone. Ein echter Polonius-Verwandter: Gerd Rigauer als listiger Kammerherr. Sehr hübsch: Anja Schiffel als Isa, Yvonnes Nachfolgerin beim Prinzen, der aber mit ihr ebenso wenig glücklich werden wird wie mit Yvonne, weil er einfach nicht weiß, was er will: Andreas Seifert stattet den Königssohn mit reichlich knautschig-grantigen Falten aus. Beachtliche Bühnenpräsenz verströmt wie schon in Lars von Triers "Dogville" Alexander Strobele als Höfling Innozenz, der völlig aus der Luft gegriffen behauptet, Yvonne sei in ihn verliebt.
Passend schrill: Ivanka Brekalo und Johanna Mertinz als Hofdamen und als Tanten. Günther Wiederschwinger hat neben Yvonne den zweiten Part der ganz armen Haut: als herumgestoßener Diener Valentin, der immer rausgeschickt wird, wenn es interessant wird. Gelegentlich zerdudelt die flotte Musik den Text. Am Schluss entgleist die Aufführung zu sehr ins Zirkushafte. Insgesamt aber ist "Yvonne" gut getroffen, amüsant, nicht an den Klamauk verraten.
Die Habitu©s hatten ihr Urteil in der Pause fertig: Missglückt. 1994 war "Yvonne" mit Anne Bennent, Annemarie Düringer, Branko Samarowski, Johann Adam Oest im Akademietheater zu sehen. Da kann das VT natürlich nicht mit. Die Stimmung dort wirkt, trotz Finanzspritze der Stadt Wien, weiterhin etwas gedrückt. Nur langsam schien sich das Publikum Sonntag zum Applaus zu bequemen, als müsste es von der fetzigen Musik erst animiert werden. "Was? Begnadigen? Hinrichten!", ruft der König. Dazu besteht diesmal wirklich kein Grund.