"Afrika! Afrika!": So lieben wir die schönen Wilden

Premiere. André Hellers grandiose Show "Afrika! Afrika!" feiert arg viele Klischees.

Roher Thunfisch, aromatisiert mit afrikanischen Gewürzen, auf Avocado-Dip wird im VIP-Zelt serviert. Der Plastikelefant am Obstbuffet trägt eine Bananenkrone. Über einen Flachbildfernseher flimmern Werbespots für Landrover und Amarula-Cream-Cocktails. So lieben wir das Exotische: sauber in Häppchen, serviert von lächelnden "Eingeborenen" in Hawaii-Hemden und nicht allzu weit entfernt von unserer Plastikwelt.

Eine gewaltige Marketing-Maschine treibt Andr© Hellers neueste Show "Afrika! Afrika!" an. Vor einem Jahr hatte sie in Frankfurt Premiere. Die ernsten Germanen waren begeistert. Die FAZ empfahl, den Besuch ärztlich zu verschreiben. Was heute weltweit erfolgreich sein will, kommt mit Qualität allein nicht aus, ob es von Peter Sellars stammt oder von Heller. Dieser ist ein Meister in der spirituellen Verpackung seiner Kreationen. Sie sollen nicht nur Spaß machen, sondern die Welt verbessern.

Gewandt eroberte Heller China, Indien, jetzt ist er der "Vater" seiner Afrika-Truppe: Master, Massa. Als solcher hat er beschlossen, einen Euro pro Karte für die Förderung afrikanischer Kulturprojekte zu spenden, ein kleiner Betrag bei Ticket-Preisen von 100 Â€, aber 700.000 Â€ sollen schon zusammen gekommen sein. Auch das Heiler-Zentrum, das Heller plant, wird gewiss blendend gehen. Alternativmedizin, Esoterik sind in. Seit jeher haben die "Zivilisierten" immer mal wieder die "Wilden" umarmt, sofern diese artig sind. Und gerade in Zeiten, da dies immer weniger gewährleistet scheint, Pauschalreisende durch immer größere Security-Heere in ihre Luxusquartiere geschafft werden müssen, freut man sich doppelt über freundliche Exoten. Besonders, wenn sie so wunderschön und akrobatisch sind wie jene in Hellers Show.

Da schlüpft ein muskulöser Schlangenmensch durch einen Tennisschläger (Afrikaner sind tolle Athleten), klettern Artisten blitzartig auf Stangen (Tarzan). Da wippen die Bast-Röckchen, trippeln Giraffe, Kamel, Nashorn, Antilope, Zebra über die Bühne; natürlich stecken Menschen in den Tieren, echte sind heute im Zirkus verpönt.

Was verbinden Sie mit Afrika? Trommeln, Masken, auratische Körperkunst? Da kommen Sie in Hellers Show voll auf ihre Kosten. Die Abkoppelung vom Kultischen könnte steril wirken. Daher muss alles halsbrecherisch rasant gehen, was die Gefahr von Unfällen birgt. Glücklicherweise sind es nur Ausrutscher am Boden. Jean-Claude Belmat aus Martinique, der sich an Bändern hoch zur Decke schwingt, kehrt unversehrt wieder auf den Boden zurück. Er arbeitet ohne Netz, typisch Afrikaner? Unsinn. Aber sinnlos gefährlich ist es trotzdem. Mit Helmen, Lampen erinnert eine Tanztruppe an das Elend der Grubenarbeiter; die Assoziation flackert schnell vorbei, so fröhlich, wie diese Leute wirken. Das Gleiche gilt für die Ghetto-Jungs, die Bodenakrobatik machen und auf Einrädern Basketball spielen. So lustig kann das Leben in den Suburbs sein.

Der Zirkus hat eine düstere Geschichte: Gladiatoren, Tierhetze, Wagenrennen, panem et circenses fürs Volk. Der erste Zirkusdirektor der neueren Zeit war im 18. Jahrhundert der ehemalige Dragoner Philip Astley. Seine "englischen Reiter" scheuten wohl auch in der Manege keine Gefahr. Mit dem indischen Zirkus beschäftigt sich in seinem Roman "Zirkuskind" John Irving. Er erzählt vom Leid der Zwerge und vom Bettlerkind Ganesh, dem ein Elefant den Fuß zertrümmert hat; trotzdem will der Kleine unbedingt zum Zirkus. Aus der Kuppel stürzt er in den Tod.

So gesehen ist Hellers Unternehmen gewiss ein Humanes. Trotzdem: "Afrika! Afrika!" feiert vor allem Klischees. Und beim Etikett "Kontinent des Staunens" dreht es einem vollends den Magen um. War da nichts weniger Beliebiges zu finden?

Mit der Esoterik-Welle eng verschwistert rollt die Ethno-Welle, die in den Sixties begann: Arabisches, indisches, chinesisches, japanisches Design hat ebenso Konjunktur wie afrikanisches. Musiker wie der jüngst verstorbene Ali Farka Tour©, Richard Bona, Salif Ke¯ta bilden ein Gegengewicht zum kommerzialisierten Mainstream-Pop. Die Weltmusik-Zyklen im Konzerthaus sind ausverkauft. Und medial ist Afrika sowieso omnipräsent, sein Elend wie seine Mythen.

Was soll da das Gerede vom dunklen Kontinent, das ans 19. Jahrhundert erinnert? Egal, dieses African Finger Food wird vielen munden, auch wenn es mehr mit Zirkus an sich als mit Afrika zu tun hat. Afrika ist bloß die an Disney erinnernde grell-bunte Verpackung.

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