Volkstheater: Es knallt in den Rocky Mountains

Lars von Triers "Dogville", dramatisiert als krasser Saisonauftakt.

Während Volkstheater-Direktorin Emmy Werner zum Saison-Be ginn starke Klassiker-Frauen präsentierte, setzt ihr Nachfolger, Michael Schottenberg, auf gesellschaftspolitisch Provokantes. Nach Hans Kresniks "Spiegelgrund" im Vorjahr wurde die heurige Spielzeit am Freitag mit Lars von Triers "Dogville" eröffnet.

2003 hat der dänische Dogma-Regisseur die Parabel über eine Dorfgemeinschaft in den Rocky Mountains, die ein von diffusen Gangstern verfolgtes Mädchen (Nicole Kidman) aufnimmt und wieder verstößt, verfilmt. "Dogville" simuliert Theater. Die Geschichte findet auf einer großen Bühne statt - mit wenigen Requisiten und Kreidestrichen für die Häuser und Straßen des Dorfes. "Dogville", das Stück, wurde von Christian Lollike nach Triers Originaltext bearbeitet; es war in Stuttgart und Hamburg zu sehen.

Für Wien hat Regisseur Georg Schmiedleitner offenbar vieles aus Stuttgart übernommen; die Verschärfung der im Film diskreter gezeichneten Brutalität etwa. Der hat sich gegen die polierte Hollywood-Ästhetik gerichtet, wirkt aber trotzdem selbst ziemlich poliert. Interessant ist seine Psychologie: Die Dorfbewohner wollen gut sein; sie werden aber, in dem Augenblick, da sie Gefahr wittern, ungemütlich und lassen sich schließlich in einen Strudel von Gewalt hineinreißen. Gut will auch die Protagonistin Grace (Gnade & Grazie) sein. Sie dient sich den Dorfbewohnern als Arbeitskraft an, um sie für sich einzunehmen. Vergebens. Sie wird abgelehnt und erlebt daraufhin ihrerseits eine Konversion in Richtung Gewalt.

Schmiedleitner, Mitbegründer des Linzer Phönix-Theaters - er inszenierte mehrfach am Volkstheater ("Change"), auch an der Burg (Nestroy) - ist ein Fan des Ur-Theatralischen. Das Ensemble wirkt exzellent geführt: Heike Kretschmer als Grace ist anders als Kidman kein naives Mädchen, sondern eine Frau, die weiß, was sie will, sich aber an unvorhergesehenen Hindernissen den Kopf blutig stößt; Raphael von Bargen, so wie Kretschmer von der Burg engagiert, sieht dem Tom der Film-Fassung ähnlich und spielt auch so. Die Männer, die sich in ihrer Erstarrung eingerichtet haben, werden von Grace aufgeweckt. Sie will die Herzen wärmen, weckt aber nur nach Sex gierende Tiere, die man besser hätte schlafen lassen: Heinz Petters als Toms Vater; Rainer Frieb als blinder Jack, Thomas Bauer als Lkw-Fahrer Ben; und besonders großartig: Alexander Strobele als Apfelbauer Chuck.

Die weiblichen Bestien, hausfraulich pedantisch, agieren nicht minder eindrucksvoll: Claudia Sabitzer als Chucks Frau Vera; Jennifer Frank als Toms Ex-Geliebte Liz, Johanna Mertinz als bigotte Martha, Beatrice Frey als Ober-Einpeitscherin in Sachen Ordnung (Ma Ginger) muss sein . . .

Die Premiere wurde stark akklamiert, es sitzen ja viele Theaterleute drin und Angehörige der Künstler. Wie auch immer: Nach der finanziell (öfters auch künstlerisch) desaströsen ersten Saison ist Schottenberg, vor allem aber dem Volkstheater, Genesung dringend zu wünschen. Trotzdem fragt man sich, was ist der Nutzen dieser Aufführung, die an Brecht oder Max Frisch erinnert, ein Lehrstück eben, aus dem man raus geht und sich erleichtert denkt: Bin ich froh, dass ich so was nicht erleben muss? Oder-aber noch mehr Schulter zuckend: tolle Schauspieler, grässliches Stück.

Durch die Verschärfung im Vergleich zum Film wird die Story - die doch von sehr relevanten Themen handelt, wie dem Umgang mit Fremden oder der Verflechtung von Polizei und organisiertem Verbrechen - noch zusätzlich in die Ferne gerückt. Bildungsauftrag? Die breit ausgewalzten Vergewaltigungsszenen (im Film nur angedeutet) sind für ein jugendliches Publikum sicher nicht geeignet; auch wenn man in Betracht zieht, dass der Nachwuchs heute sowieso alles vom Fernsehen kennt. Mit seiner Inszenierung schiebt Schmiedleitner die Hunde-Stadt letztlich in Richtung Räuberpistole; die knallt zwar erwartungsgemäß effektvoll, das subtile und an Sub-Ebenen reiche Original wird aber dabei verraten. Und falls Provokation angedacht war, die funktionierte zumindest bei der Premiere nicht; während in Stuttgart empörte Besucher "Kerl, zieh deine Hose an!" riefen.

Termine: 20., 21., 28., 30. 9. [*] 52111-0.

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