"Weiningers Nacht" von Sobol in Schottenbergs Regie, heftig.
Marcello deNardo heißt der Star dieses Abends. Er spielt die Hauptrolle in "Weiningers Nacht" am Volkstheater: Grandios! Was umso bewundernswerter ist, als die Produktion kurzfristig statt des abgesagten "Golem" angesetzt wurde und deNardo überdies einen mächtigen Vorgänger in dieser Rolle zu übertreffen hatte: Paulus Manker, der das Stück 1988 am Volkstheater inszenierte und die Titelrolle gespielt hat.
Wer war Otto Weininger, der sich 1903 im Alter von 23 Jahren erschoss? Ein Feuerkopf, ein Hochbegabter, der nicht nur sieben Sprachen beherrschte, sondern auch mit seinem Buch "Geschlecht und Charakter" Aufsehen erregte, sich mit Sigmund Freud bekriegte und wohl ein Pionier der Seelenforschung war; allerdings auch ein Verbreiter krauser Theorien: Selbsthass, Abwertung des weiblichen Geschlechts, Attacken gegen das Judentum. Weininger war Jude.
"Was dem Weibe wie dem Juden abgeht, das ist Größe", heißt es in Joshua Sobols Stück oder: "Der echte Jude hat wie das Weib kein Ich und darum auch keinen eigenen Wert." Es ist unklar, was mit solchen Sprüchen heute bewirkt werden soll, außer Abscheu vor einem bedeutenden Geist, der auf Irrwege geriet, vielleicht weil er manisch-depressiv war, vielleicht auch, weil er, Opfer einer übermächtigen Mutter, seine Homosexualität nicht ausleben konnte.
Anders als die so rundum gelungene, ebenfalls von Sobol verfasste "Alma" ist "Weiningers Nacht" ein knatterndes Silvester-Feuerwerk, von dem man statt klüger zu werden in Sachen Sex und Geschichte Ohren-Schmerzen bekommt. Erhellende Ausführungen finden sich im Programmheft, ein Aufsatz von Jacques Le Rider über Weininger, Ausführungen des Sexualforschers Volkmar Sigusch über Bi- und Asexualität.
Allein die Eröffnung signalisiert altmodische Dramaturgie: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Sie erlauben, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Otto Weininger." Solch ein Beginn ließe den alten Brecht im Grabe rotieren. Es folgt ein historischer Bilderbogen, abgestimmt auf ein Publikum, das fern der Zeit und des Schauplatzes lebt: 1982 wurde das Stück in Haifa uraufgeführt. Sobol flicht Politik, Philosophie und Biografie zusammen, präzise und gekonnt, keine Frage, aber doch auch sehr pädagogisch-didaktisch: Schultheater.
Nach einigen Fehlschlägen steht Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg stark unter Druck. Man merkt es der Aufführung an. Sie dampft und zischt dem Text entsprechend, ist aber bis auf einzelne Entgleisungen wie die peinliche Puff-Szene oder die Strindberg-Maskerade am Schluss eindrucksvoll geraten. Was nicht nur mit Marcello deNardo zu tun hat, der sich bis zum Scheitel in den Weininger hineingekniet hat und der oft papieren dozierenden Figur sprühende Vitalität - deNardo ist auch Tänzer - einhaucht. Diese ausgemergelte Gestalt, die sich einmal dem einen, dann dem anderen Geschlecht rückhaltlos hingeben möchte, diesen schmerzhaft angespannten Körper und Geist, der am liebsten aus der Haut fahren würde, diese Wut, dieses Leid, diesen Fanatismus wird man nicht vergessen. Doch auch sonst gelang es Schottenberg, das Ensemble zu lebhaftem, sinnlichem Spiel zu animieren, wie man es von seinen Inszenierungen gewohnt ist.
Werner Prinz ist der vergeblich den Sohn zur Vernunft mahnende, in Wahrheit aber selber ziemlich disparate Vater; er spielt auch den Sigmund Freud, der Weininger empfängt, ihm lauscht und ihn dann kalt abblitzen lässt. Beatrice Frey macht ein wenig zu viel als Hausmeisterin Adele, berührt aber als Mutter, die ihr "Ottolein" hemmungslos verzieht. Gregor Seberg konturiert etwas grob, kokett den hedonistischen Lehrer Weiningers, Tietz. Ivanka Brekalo als Clara umgarnt bis zur Selbstaufgabe den geliebten Weininger, wählt aber dann das Leben. Schwachpunkte der Aufführung: der weichliche, verschwommene Berger (Thomas Kamper) und der Doppelgänger: Annette Isabella Holzmann agitiert und forciert mehr als zu überzeugen. Ob diese Aufführung die Auslastung des Volkstheaters hochreißen wird? Schwer zu sagen. Ein Reißer ist sie wohl, aber eher einer über dampfenden Sexus von anno Schnee. Lebendiges Theater wird hier freilich allemal geboten.