Wenn Männer die Sau rauslassen

PREMIERE in KLAGENFURT. Kusej & Horváth "Zur schönen Aussicht", heftig verzeichnet.

A
ls Müller zum Oral-Verkehr mit Christine ansetzte, reichte es vielen Besuchern Donnerstag im Klagen furter Stadttheater. Sie suchten geräuschvoll das Weite. "Zynisch und brutal, sonst nix!", rief eine ältere Dame. "Ich glaube nicht, dass der Horváth das so gemeint hat", meinte ein älterer Herr in der Pause. Ja, wie hat er es nun gemeint, der Horváth?

So viel steht fest. Wie oft in seinen Werken zeigt der Dichter (1901-1938) in "Zur schönen Aussicht" die Verrohung der Gesellschaft nach dem I. Weltkrieg. In einem schäbigen Hotel treiben gescheiterte Existenzen ihr grausames Spiel miteinander. Da erscheint das Mädchen Christine. Sie hat ein Kind vom Hotelchef, der sie verließ.

Nun entspinnt sich eine moderne Gretchen-Tragödie. Hotelgäste und Personal rotten sich zusammen, um dem Hoteldirektor zu helfen, die junge Frau loszuwerden. Da stellt sich heraus, dass diese eine Erbschaft gemacht hat. Nun ist alles anders.

Mit der gleichen Vehemenz, mit der sie Christine vorher gequält haben, buhlen die Männer nun um ihre Gunst. Horváth wollte beim Film Karriere machen. Man merkt es diesem Melodram an, das aber sprachlich sehr schön ist, voller Anspielungen, Symbole. Das Stück wurde lange nicht, zuletzt immer wieder gespielt; im Volkstheater und, von Marthaler inszeniert, in Salzburg. Entstanden ist das Werk 1926/27. Uraufführung 1969 in Graz (Regie: Gerald Szyszkowitz).

Die Handlung hat Martin Kusej beibehalten, den Text aber verfremdet, modernisiert, verschärft. Horváth nannte das Drama Komödie. Davon ist nichts mehr übrig. Die Veränderung reicht bis in die Figuren hinein: Die Baronin Ada, dunkle Gegenspielerin der reinen Christine, bei Horváth Mitte fünfzig "aufgebügelt und verdorrt", ist hier um die 30 und einbeinig. Der Sekt-Vertreter Müller ist ein Waffen- und Autoschieber; während er bei Horváth zur illuminierten Ada sagt: "Sehen Sie zu, dass Sie in die Klappe kommen, besoffene Person", schreit er bei Kusej: "Schau, dass du auf dein Zimmer kommst, du besoffenes Stück Scheiße!"

Das Hotel ist keine verkommene Luxus-Herberge, sondern eine bunkerartige Bruchbude (Bühne: Annette Murschetz). Zu Beginn wankt ein Kriegsversehrter auf Krücken über die Szene, schießt sich in den Mund und hinterlässt einen riesigen Blutfleck an der Wand, der von Kellner Max mit einer Landkarte (Europa und Umgebung) abgedeckt wird. Im Original ist diese Passage nur eine Erzählung - und der Mann hat sich ersäuft. Trotzdem glaubt man zu Anfang noch, eine interessante Aktualisierung zu sehen, ein Eindruck, der sich später verflüchtigt, wenn die Männer so richtig die Sau rauslassen, Christine rudelweise vergewaltigen und beinahe abfackeln.

Was erfahren wir hier? Dass man aus jedem Klassiker ein Pop-Schauermärchen im Videoclip-Stil mit Anspielungen an aktuelle Kriege (Jugoslawien) machen kann? Dass Europa "bankrott" ist? Was heute jeder Regisseur demonstriert, mit weniger Fantasie als Kusej. Philosophisch tritt das deutsche Theater auf der Stelle, es wiederholt sich auch in seinen Bildern. Was umso bedauerlicher ist, als sich die Schauspieler stetig zu perfektionieren scheinen. Auch hier sind sie exzellent. Was für eine Besetzung!

August Diehl als Strasser, ein grundehrlicher Zyniker; Klaus Rodewald als präfaschistischer Spießer Müller; Ute Hannig als lebensgierige Ada; Samuel Weiss als ihr bizarrer Bruder Emanuel; Lavinia Wilson als zarte Christine, um nur einige zu nennen. Am Ende wurde eifrig applaudiert, auch dem Regisseur. Manche Theaterbegeisterte sind eben durch nichts zu vergraulen.

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