Unsterbliche Gen-Maus

Interview. Nicolas Stemann über Ideale & Ersatzgötter.

Ein bei einem Flugzeugabsturz Verbrannter, ein russischer Tierpfleger, ein schlaksiges Mädchen, ein Mädchen mit Brautkleid, ein Vogelmann, eine Katze, eine leuchtende Maus . . . Skurrile Figuren und Tiere bevölkern Roland Schimmelpfennigs "Ende und Anfang". Die Uraufführung ist ab morgen, Samstag, im Akademietheater zu sehen; in der Regie von Nicolas Stemann (37); der gebürtige Hamburger ist ein Spezialist für schwierige Texte.

Am Burgtheater brachte er "Das Werk" und "Babel" von Elfriede Jelinek heraus. Ende Oktober zeigt er am Hamburger Thalia Theater die Uraufführung des neuesten Jelinek-Stückes: "Ulrike Maria Stuart". Es geht um den Kampf der beiden RAF-"Königinnen" Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, um eine Abrechnung Jelineks mit der deutschen Linken der letzten 40 Jahre und um Ideale, "die Widersprüchlichkeit des Engagements", sagt Stemann: "Man sieht, wie schnell einerseits die Menschen die Ideale beschädigen und andererseits die Ideale die Menschen. Das ist ja auch ein Schiller-Thema: Wie weit geht Idealismus?" Passend dazu: Am Berliner Deutschen Theater inszeniert Stemann "Don-Carlos".

Jelinek und Schimmelpfennig, ein Kontrastprogramm? "Es ist fast das Gegenteil, ja", erklärt Stemann: "Jelinek-Stücke kann man schwer lesen und sich beim Lesen überhaupt nicht vorstellen, dass sich das fürs Theater eignet. In der Praxis zeigt sich dann, dass ihre Sprache eine ungeheure Kraft und Energie hat, damit geht eigentlich alles. Jelinek schafft Material, aus dem man eine Kathedrale bauen kann. Schimmelpfennig liefert eine Bauanleitung für ein schräg stehendes Regal. Ich stelle die Sachen hinein und lasse sie runterrutschen - und genau um dieses Rutschen geht es."

Was ist die Geschichte von "Ende und Anfang"? "Peter und seine Halbschwester Isabel haben einmal davon geträumt, etwas ganz Tolles zu machen: Kunst, Theater spielen. Nun treffen sie sich nach einigen Jahren wieder in einem Tierversuchslabor. Beide sind gescheitert und haben die gleiche Umschulung gemacht. In dem Labor gibt es eine wahrscheinlich gentechnisch veränderte Maus, die leuchtet. Und es entsteht das Gerücht, dass diese Maus unsterblich ist. Die Maus wird zu einem Synonym für die Lösung aller Probleme, zu einem merkwürdigen Gottesersatz . . . "

Am Burgtheater war von Schimmelpfennig die eher simple Dreiecksgeschichte "Die Frau von früher" zu sehen. Stemann: "Ja, das hatte eine ziemlich klare und boulevardeske Form. Ich halte ,Ende und Anfang' für Schimmelpfennigs extremstes Stück. Er erzählt keine geschlossenen Geschichten, sondern schickt Irrlichter in den Raum, wirft Bälle in die Luft, schafft viele, immer wieder neue kleine Schlaglichter und Expositionen, die er dann aber nicht weiterführt. Er baut ein Rätsel auf und verweigert die Lösung. Die Figuren in diesem Stück sind an einem ganz bestimmten Punkt in ihrem Leben, der meistens lange zurückliegt, hängen geblieben. Seither kommen sie nicht weiter, sinken permanent hinunter, schaffen es nicht, sich diesem Prozess entgegenzustemmen, und fragen sich ständig, wie bin ich hier hineingeraten?"

"Ende und Anfang" dreht sich auch um wirtschaftliche Probleme, Existenzangst heute. Gibt es da noch Raum für Ideale? Stemann: "Meine Generation steht Idealen sehr skeptisch gegenüber, was man uns, glaube ich, nicht verdenken kann, nach der Erfahrung der letzten 40, auch der letzten 100 Jahre. Mein Ideal wäre vielleicht, wieder ungebrochen Ideale haben zu können. Aber das ist unmöglich. Man weiß schon zu viel."

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