Burgtheaterdirektor Klaus Bachler über Politik, "Wallenstein", Geldmangel und Händel-Comics.
Die Presse: Wie beurteilen Sie die politischen Perspektiven nach der Wahl? Mehr Geld?
Klaus Bachler: Wichtiger als mehr Geld ist, dass es, wie ich hoffe, ein anderes kulturelles Klima gibt. Das Bedrückende in den letzten Jahren war, dass der Stellenwert der Kultur in der Politik gegen Null tendierte, nicht nur in Österreich, aber in Österreich schlimmer als in anderen Ländern. Ich finde es gut, dass man bemerkt hat, dass ein Nulldefizit noch kein Regierungsprogramm ist. Das Ergebnis dieser Wahl war dramatisch. Hoffentlich bringt das die Leute zum Nachdenken. Sätze wie "Es geht uns gut", "Wir sind glücklich", "Es ist alles in Ordnung" sind auch eine Form der Xenophobie. Man hat ja immer gelesen, dass Bundeskanzler Schüssel die Rechte durch deren Einbindung neutralisiert hat. Das sieht man jetzt ganz deutlich, dass das nicht so ist. 1995 war der jüngere Jörg Haider da, jetzt arbeitet sein Klon, Herr Strache, genau mit den gleichen Mechanismen.
Die heurige Saison im Burgtheater ist ziemlich schleppend angelaufen. Es gibt viele verfügbare Karten, sieht man auf der Homepage.
Bachler: Der September war sehr schleppend. Das stimmt. Das Wetter war schön. Das Freizeitverhalten hat sich verändert. Mehr und mehr Leute machen in dieser Zeit Urlaub. Es ist auch so, dass immer die Neuproduktion gestürmt wird, wenn sie erfolgreich ist - und das ist bei Nestroys "Höllenangst" der Fall. Wir könnten die Aufführung natürlich jetzt dauernd spielen. Aber mein Credo ist, dass ein Repertoire-Theater Vorstellungen lange im Spielplan haben und sie nicht schnell durch jagen soll. Ein weiterer Punkt ist, dass wir in unserer gesamten Disposition von diesem Riesenprojekt "Wallenstein" ausgegangen sind. Vieles in diesem Herbst hat damit zu tun. Wir merken aber jetzt, dass der Kartenverkauf wieder normal läuft, speziell das Akademietheater hat stark angezogen.
Wird es noch was mit "Wallenstein"?
Bachler: Ganz sicher. Ein Projekt, an dem wir so lange gearbeitet haben, lassen wir nicht fallen. Allerdings kann ich im Augenblick noch nicht sagen, wie es weiter geht. Die Arbeitsmöglichkeiten von Andrea Breth sind infolge ihrer Erkrankung nicht einzuschätzen. Derzeit gehe ich davon aus, dass "Wallenstein" genau in einem Jahr stattfindet. In welcher Konstellation und in welcher Form weiß ich noch nicht.
Das heißt, es könnte auch ein anderer Regisseur die Inszenierung machen?
Bachler: Auch damit muss ich rechnen.
Andrea Breth war noch für eine andere Produktion vorgesehen, für Dimitr© Dinevs "Das Haus des Richters" im April 2007.
Bachler: Diese Aufführung wird der Schweizer Regisseur Niklaus Helbling übernehmen, der im Kasino "Der Meister und Margarita" von Bulgakow inszeniert hat.
Setzen Sie noch eine Neuproduktion an als Ersatz für den "Wallenstein"?
Bachler: Wir machen "Sommernachtstraum" mit Regisseur Theu Boermans. Premiere wird im Jänner sein.
Denken Sie, dass Sie trotz des matten September wieder auf über 80 Prozent Auslastung kommen werden in dieser Saison?
Bachler: Sicher, wir haben immer noch im November, Dezember und im März, April alles aufgeholt. Außerdem kommen ja die Shakespeare-Premieren.
Sie haben noch drei Jahre im Burgtheater, bevor Sie an die Münchner Staatsoper wechseln. Was haben Sie vor, was wollen Sie machen?
Bachler: Ich möchte die großen Welttheater-Themen mit dem Kontinent Shakespeare erarbeiten - und, wenn es nach meinem Wunsch geht - alle Shakespeare-Stücke zeigen. Ob wir das hin kriegen, weiß ich allerdings noch nicht. Man muss jeweils die richtigen Konstellationen finden. Weiters: eben "Wallenstein". Und in meiner letzten Spielzeit möchte ich "Faust I und II" machen. Der Regisseur steht noch nicht fest. Wir führen im Moment mehrere Gespräche. Eine weitere Säule des Programms werden, wie schon die letzten sieben Jahre, zeitgenössische Stücke sein. Ich glaube, dass wir uns deutlich wegbewegen vom psychologischen Theater . . .
Wieso denn das?
Bachler: Die letzten Jahre waren geprägt von einem realistisch-naturalistischen Theater. Die Spielpläne waren voll mit Tschechow, Schnitzler, Ibsen, Strindberg. Ich glaube, wir gehen jetzt in eine andere Phase. Wir merken das auch im Musiktheater oder in der Popkultur. Die größere Abstraktion ist uns näher. Es hat einen Grund, warum wir heute etwa in der Oper viel mehr mit Barock-Werken anfangen können als mit dem narrativen Stil eines Richard Strauss. Die Betrachtungsweise der Menschen ist bildhafter, schneller, cliphafter geworden. Warum spielen jetzt alle so viel Händel? Weil Händel viel mit Comic Strips zu tun hat und nichts mit einer narrativen Erzählweise. Elfriede Jelinek, Roland Schimmelpfennig schreiben auch nicht narrativ.
Wie geht es dem Theater so allgemein?
Bachler: Dem Theater geht es immer gut. Den Institutionen geht es manchmal schlecht. Und das ist durchaus zu begrüßen. Das Bedrohlichste für das Theater ist wie für jede Institution der Schlaf, auf der Bühne und im Zuschauerraum.
Wie hoch ist der Finanzbedarf der Burg?
Bachler: Der Finanzbedarf beträgt in etwa zwei Millionen Euro im Jahr, wobei das - und das halten wir uns zugute - ausschließlich die Tariferhöhungen (Gehaltserhöhungen) sind. Die müssen auf jeden Fall ausgeglichen werden, sonst geht das - wie die letzten Jahre - an die Substanz.
Zur Person:
Der gebürtige Steirer (55) wurde am Reinhardt-Seminar zum Schauspieler ausgebildet, spielte in Salzburg, Göttingen, an der Berliner Freien Volksbühne und am Hamburger Thalia Theater. Unter Heribert Sasse, Generalintendant des später (1993) geschlossenen Berliner Schillertheaters war Bachler ab 1987 künstlerischer Direktor. 1990 wurde er Producteur Artistique des Pariser Festival "Taller Europe".
Ein Jahr später übernahm er die Intendanz der Wiener Festwochen. 1996 wurde er Volksoperndirektor. Seit 1999 ist Bachler Burgtheaterdirektor. Sein Vertrag läuft bis 2009. 2008 übernimmt er die Bayerische Staatsoper in München. Sein Nachfolger wird Matthias Hartmann (43), Chef des Zürcher Schauspielhauses.