Interview. Dietmar Steiner über die neue Linzer Oper und das Disneyland Wien.
Die Presse:Sie waren in der Jury für das Linzer Musiktheater, das vermutlich heute, Montag, von der Landesregierung beschlossen wird. Wenn man sich den Krampf um dieses Projekt anschaut, fragt man sich: Wozu das?
Dietmar Steiner: Ich akzeptiere, dass Linz wegen des schlechten Zustandes des Landestheaters ein neues Haus braucht. Ich hätte mir mehr erwartet. Aber es wird ein schöner Bau. Die Frage ist immer, womit vergleicht man? Einerseits: Österreich ist kleiner als Bayern und hat weniger Einwohner. Es gibt aber neun Landesregierungen. Das kommt mir lächerlich vor. Andererseits: Die regionalen Identitäten in Österreich sind sehr stark. Solche Projekte haben mit politischem Stolz, Eitelkeit zu tun. Nehmen Sie Nordrhein-Westfalen, das Ruhrgebiet. Dort gibt es 20 Musiktheater. Die Essener würden es nie dulden, dass es 10 Minuten entfernt eine Oper gibt - und bei ihnen nicht.
Kulturbauten gehören zur Infrastruktur?
Steiner: Auf jeden Fall. Allerdings bin ich ein Theaterhasser, wobei ich nicht das Theater selbst hasse, sondern diese etablierten Maschinen, wo vier Fünftel der Kosten für den internen Betrieb aufgehen und ein Fünftel bleibt für die Besucher übrig. Mit Ausstellungshäusern und Museen gibt es weniger Probleme als mit Bühnen.
Das neue Linzer Theater soll sozusagen alle Stückeln spielen. Das kostet viel Geld.
Steiner: Die Theater-Leute sagen einfach, was sie brauchen, niemand fragt, ob das vernünftig oder unvernünftig ist. Sie kriegen es, basta, auch wenn es das Drei-oder Vierfache eines Museums kostet. Da ist zum Beispiel der Maler-Saal: 150 bis 200 Quadratmeter. Ich habe dann die bescheidene Frage gewagt, ob das so sein muss, dass 15 Leute da herum pinseln, ob man das nicht mit Digital-Druck machen kann. Da wurde mir erwidert: Kommt gar nicht in Frage! Die Besucher würden das sofort bemerken, wenn Kulissen nicht gemalt sind. Ich muss sagen, ich kenne keine Bau-Aufgabe, wo die Nutzer derart strikt und autonom ihre Wünsche durchsetzen wie bei einem Theaterbau. Das ist schon phänomenal.
Die Bundesländer haben in den letzten Jahrzehnten enorm in Kulturbauten investiert. Der Kultur-Bezirk in St. Pölten, das Grazer, das Bregenzer Kunsthaus, das neue Moderne-Museum in Salzburg. Hat sich das ausgezahlt oder ist das eine Art Großmannssucht? Was bringen z. B. die kostspieligen Kulturhauptstadt-Jahre, auf Graz folgt 2009 Linz. Man fragt sich auch, ob dieses Standort-Argument überhaupt stichhaltig ist. Geht ein Manager nach Linz, weil es dort eine Oper gibt?
Steiner: Man sollte das nicht unterschätzen. Es spielt eine Rolle. Kultur gehört zum Selbstverständnis, zur Identität einer Gesellschaft. Kulturbauten haben immer eine schwierige Entstehungsgeschichte in Europa. Die Linzer haben gejammert: Jetzt warten wir schon 20 Jahre. Nun, Helsinki hat 90 Jahre auf seine Oper gewartet. Und beim Piccolo Teatro in Mailand stammt der Entwurf aus den siebziger Jahren, in den Neunzigern wurde es fertig gestellt. Es gab immer wieder lange Diskussionen, trotzdem wurden in den letzten Jahren hunderte Museen gebaut. Sie sind ein Teil der Freizeitindustrie. Die Projekte in Österreich muss man jedes für sich betrachten. Das Lentos lässt sich tadellos bespielen, das Kub in Bregenz ist sehr gut, das Grazer Kunsthaus hätte eine längere Entwicklungszeit gebraucht. Und Salzburg ist Salzburg: Etwas anderes als das Museum auf dem Berg war dort aufgrund des herrschenden Konservativismus nicht möglich. Die Kulturhauptstadt-Jahre bringen sehr wohl etwas in stadtplanerischer Hinsicht. Man klärt infrastrukturelle Fragen, die man sonst nicht geklärt hätte. Es wird sehr viel mobilisiert. Insofern sind Großveranstaltungen sinnvoll.
Und wie ist es in Wien gelaufen? Das Museumsquartier scheint sich bewährt zu haben, den Theatern geht es unterschiedlich gut.
Steiner: Der etablierte Bühnen-Betrieb ist weder konzeptiv noch medientechnisch innovativ. Hier wäre im Sinne von Peter Brooks' "armem Theater" noch viel an Potenzial zu finden. Das MQ-Konzept ist aufgegangen. Absolut. Allerdings: Das Projekt war zu billig. Man kann nicht erwarten, dass die Kosten gleich bleiben, wenn ein Museum, das Leopold-Museum, dazu kommt. Jetzt muss vieles nachgerüstet werden. Die Winterreithalle hätte ich abgerissen, ein kunsthistorisch reaktionärer Bau. Ein Rätsel ist mir die Sentimentalität mit dem Ronacher, wertlos, hässlich, keine verkehrstechnische Anbindung. Ich verstehe nicht, warum man das renoviert. Besser wäre es, ein neues Theater oder eine neue Oper in der Donaucity zu errichten. Das Konzerthaus wurde renoviert. Das hätte man auch ruhig abreißen können. Eine völlig verbaute Hütte. Eine neue Halle an dem Platz wäre genauso teuer gewesen. Auch das Künstlerhaus ist verzichtbar. Und aus der Josefstadt würde ich ein Pensionistenheim mit Tanzsaal machen. Wien ist so selbstzufrieden! Wir lieben unser Disneyland - wie es ist.