Wien: Vereinigte Bühnen in Geldsorgen

Analyse: Vereinigte Bühnen Wien knirschen nach Irrtümern in der Kostenschätzung.

Ja, für nächsten Mittwoch habe er noch "Rebecca"-Karten. Nein, Samstag schaut es schlecht aus. Sagt der Herr bei Wien-Ticket. Jahrzehntelang haben Wiens Vereinigte Bühnen (VBW) behauptet, dass ihre Musicals blendend laufen, egal ob sie voll oder leer waren. Dabei gab es eine Reihe halber oder ganzer Flops: Länger zurückliegend "Les Mis©rables", "Freudiana", in jüngerer Zeit "Wake up", "Barbarella", auch "Chicago" soll mäßig gegangen sein. Zum Glück hatte man Langzeit-Hits wie die legendären "Cats" oder "Elisabeth". Nun, unter Entertainment-Spezialistin Kathrin Zechner scheint es auch nicht übel zu laufen: Auf "Romeo und Julia" folgt "Rebecca", man hofft auf 18 Monate Spielzeit und 500.000 Besucher.

Allerdings: Die Kosten steigen. "Ein Fass ohne Boden" seien die VBW, murren die Oppositionsparteien. Dürfte stimmen. Noch Mitte der Neunzigerjahre wurden die VBW mit rund 20 Mio. Â€ subventioniert, heute sind es 40 Mio. Â€: 21,6 Mio. für die neue Oper im Theater an der Wien und 18,4 Mio. für das Musical, das so gesehen nicht teurer geworden ist. Aber noch ist nicht aller Tage Abend: Für 47 Mio. Â€ (inklusive Finanzierungskosten) wird das Ronacher umgebaut, bis Frühjahr 2008 (statt wie erhofft bis Herbst 2007). Nach der Wiedereröffnung droht neuer Subventionsbedarf für die dritte VBW-Bühne. Interessant: Unter der Intendanz Rudi Klausnitzers musste das Ronacher auf Weisung der Stadt kostenneutral geführt werden. Daran denkt offenbar keiner mehr. Vergessen ist wohl auch, dass das Theater an der Wien in seiner Frühzeit ganz ohne öffentliche Hilfe auskommen musste.

Das wahre Problem aber ist die Oper im Theater an der Wien, deren Kosten offenkundig unterschätzt wurden. Wer ist schuld daran, dass Opernintendant Roland Geyer für heuer 2,8 Mio. Â€ fehlen? Die entfallenen Einnahmen aus dem mit der Staatsoper gemeinsam produzierten "Idomeneo", die Festwochen, die zu wenig Miete zahlen, oder das Mozartjahr, das seine 30 Mio. Â€ selber verbrauchte und dem Theater an der Wien nichts abgab? Diese Debatte wird nun zwischen den Verantwortlichen munter hin und hergeschoben. Ärger macht offenherzig. Zitiert will aber keiner werden. Die Kritik zusammengefasst: Musicals in Deutschland kosten nicht wie in Wien 1,5 oder 1,7 Mio. Â€, sondern weit weniger. Der neue KV für die Technik im Theater an der Wien beinhaltet Sonderzahlungen bei Dienstplan-Umstellungen. Das ist teuer. Geyer kann nicht mehr als 80 Tage im Jahr Oper spielen, weil Proben, Umbauten im Stagione-Betrieb entsprechend Zeit benötigen. Die Musicals waren da viel unkomplizierter, man spielte sie en-suite, und sie brachten auch viel mehr Einnahmen als die Oper. Einer 60-prozentigen Eigendeckung rühmt sich das Musical, etwas komisch bei 51 Mio. Â€ Umsatz und 40 Mio. Â€ Subvention, aber bitte. Zu den 18 bis 20 Prozent, die Opernhäuser erreichen, ist der Unterschied jedenfalls eklatant. Konzerte gehen wegen der Akustik im Theater an der Wien nicht sehr gut.

Für rund 15 Mio. Â€ wollte einst Staatsoperndirektor Ioan Holender das Theater an der Wien bespielen, die Politik wählte die schicke Variante, den Kontrapunkt zur ästhetisch konservativen Staatsoper. Aber auch Holender kann sich nicht nur freuen. Ein Gluck-Zyklus (vier Opern), den Peter Konwitschny in der Staatsoper und im Theater an der Wien herausbringen wollte, wurde von Geyer als zu teuer abgesagt. Konwitschny und sein Team klagten Festwochen und Staatsoper. Streitwert: 800.000 Euro. Allerdings, dem Vernehmen nach gibt es eine Ausfallshaftung der Stadt. Fein.

Vielleicht hätte man auf VBW-Generaldirektor und Opernfreund Franz Häußler hören sollen. Er soll gebeten haben: Oper, bitte erst nach meiner Pensionierung. Ende 2007 ist der Vertrag des 70-Jährigen, der seit bald vier Jahrzehnten als VBW-Geschäftsführer amtiert, zu Ende. Vielleicht kommt dann ein alter Bekannter zurück: Rudi Klausnitzer, nun Gruner & Jahr-Berater. Er war der Einzige, der jemals bei den VBW ein Sparprogramm durchgesetzt hat. Zwar sorgte er auch dafür, dass er selbst gut verdiente, bei den VBW hat er jedenfalls in ökonomischer Hinsicht eine gute Nachrede. Vielleicht wird aber auch Häußlers Vertrag verlängert. Dann müssten sich die stattlichen 600-700 VBW-Beschäftigten bis auf weiteres keine Jobsorgen machen.

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