Burgtheater: Unheilbares Shakespeare-Fieber

Marathon. Das Burgtheater zeigt diese Saison sechs Neuinszenierungen, 28 gibt es in Deutschland und der Schweiz.

Ein Glück, dass es jetzt so viele zeitgenössische Dramen gibt. Da müssen die Regisseure keine Klassiker mehr verhunzen. Dieser Stoßseufzer entrang sich unlängst der Brust eines sonst als fortschrittlich geltenden Rezensenten. Die Hoffnung ist vergebens.

Als "irreales fröhliches Märchenspiel am ritterlichen Minnehof von Messina", so beschreibt der verstorbene FAZ-Kritiker Georg Hensel in seinem Schauspielführer "Viel Lärm um nichts". Als Geschichte von den ersten Singles der Theatergeschichte, die in einer Pseudoidylle leben, sieht der deutsche Regisseur Jan Bosse die Shakespeare-Komödie. In ihrem Mittelpunkt stehen die Männerhasserin Beatrice und der ewige Junggeselle Benedikt; die beiden liefern einander schlagfertige Wortgefechte und landen am Schluss im Hafen der Ehe.

Am 8. 12. hat "Viel Lärm um nichts" im Burgtheater Premiere, weitere fünf Neuinszenierungen folgen: Im Jänner "Sommernachtstraum" (Regie: Theu Boermans); im Februar "Julius Cäsar" (R: Falk Richter). Im März kommt "Maß für Maß" (R: Karin Beier), im Mai "König Lear" (R: Luc Bondy), im Juni "Der Sturm" (R: Barbara Frey).

Dessen noch nicht genug; den "ganzen Shakespeare" will Burgtheaterdirektor Klaus Bachler bis zum Ende seiner Amtszeit 2009 zeigen; außerdem noch "Faust" (beide Teile) und den infolge der Erkrankung Andrea Breths verschobenen "Wallenstein" (ebenfalls den ganzen). Dabei wechselt Bachler bereits 2008 als Intendant an die Bayerische Staatsoper. Da hat er sich ganz schön was vorgenommen. Unversehens scheint der Erfolgsgewohnte unter Druck geraten.

Auf jeden Fall setzt er sich selbst gehörig unter Strom. Das Publikum wird dies weniger beschäftigen als die Frage, ob Bachlers ganzer Shakespeare sich mit Claus Peymanns grandiosen Fragmenten messen kann. Peymanns Wiener Ära wird zwar in mancher Hinsicht zu Unrecht glorifiziert. Dass sich seine Burg-Shakespeares sehen lassen konnten, dürfte keiner bestreiten.

Vor allem Gert Voss prägte die Aufführungen: sein aasiger, quengeliger, boshafter Richard III. war ein Klassiker für sich, sein Prospero erschien manchen Kritikern als allzu milder Kontrast. Peymanns "Sturm"-Inszenierung bleibt dennoch ein bittersüßes Märchen-Gesamtkunstwerk, nicht zuletzt dank des entzückenden Bühnenbildes von Karl Ernst Herrmann; das Schiff, die Insel, Therese Affolters fliegender Ariel usw.

Hinter dem "Macbeth", behaupten die notorisch abergläubischen Theaterleute, sind die Furien her. Unglücksfälle häufen sich rund um Aufführungen dieser Tragödie. Bei Peymann erreichte bloß die Probenzeit (waren es fünf oder doch eher sechs Monate?) einen einsamen Rekord. Voss und Kirsten Dene brillierten als grausiges Paar aus dem finstersten Schottland aller Zeiten, in dem (ein bisserl wirr, aber toll) scheinbar höfliche Machthaber einander wie archaische Warlords waffenstarr belauerten.

Es folgten Peter Zadeks Inszenierung des "Kaufmann von Venedig" mit Voss und dann noch "Der Jude von Malta" des Shakespeare-Zeitgenossen und Rivalen Christopher Marlowe (wieder mit Voss), beides großartige Aufführungen. Damit war das Maß wahrhaft voll. Gibt's noch was zu sagen? Nach Peter Zadeks, Peymanns und natürlich Peter Steins Berliner Shakespeare?

Offenbar ja, gerade das scheint die Idee des Burg-Zyklus zu sein: Interpretationen neuerer, jüngerer Regisseure. Wobei sich ohne viel Fantasie prophezeien lässt, dass die Tendenz zum Schrillen, Poppigen, Grausamen, zur Überzeichnung wachsen wird. Da muss man nur an den monumentalen 12-Stunden-Marathon Shakespearescher Königsdramen von Luk Perceval und Tom Lanoye in Salzburg denken oder an Jürgen Goschs blutgierige "Macbeth"-Inszenierung vom Düsseldorfer Schauspielhaus, die heuer bei den Festwochen zu sehen war.

28 Premieren zählt die deutsche Shakespeare-Gesellschaft diese Saison: von Bielefeld bis Innsbruck, von Zürich bis Berlin. Dort inszeniert Schaubühne-Intendant Thomas Ostermeier "Sommernachtstraum", wobei er erstmals mit der Choreografin Constanze Macras zusammenarbeitet (ab Dezember). Auch Jürgen Gosch bereitet "Sommernachtstraum" vor, am Deutschen Theater in Berlin (ab Februar 2007), ebenfalls zu dieser Zeit hat am Frankfurter Schauspiel "Heinrich IV." Premiere.

Wer das Shakespeare-Theater nicht mag, kann sich mit Verfilmungen trösten, etwa jenen von und mit Kenneth Branagh ("Viel Lärm um nichts", für schlanke 6 Euro bei Amazon zu haben, "Hamlet", "Othello"). John Madden drehte 1998 "Shakespeare in Love" mit Joseph Fiennes und Judy Dench, Al Pacino begab sich auf die Spuren von Richard III. ("Looking for Richard" 1996).

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.