Festwochen: Schlaf, Kindlein, schlaf!

Akademietheater. Luc Bondy inszeniert Jon Fosse, ziemlich langweilig.

Das Teuerste muss nicht immer das Beste sein. Und nicht jedes Stück eines Kult-Autors ist auch ein Kult- Stück. Luc Bondy zeigt im Akademietheater die deutschsprachige Erstaufführung von Jon Fosses "Schlaf". Der 47-jährige Norweger hat seit 1994 rund 30 Dramen verfasst, die vor allem im deutschsprachigen Raum viel gespielt werden: in Berlin, Zürich, Salzburg. Im Akademietheater war 2001/02 "Traum im Herbst" zu sehen. Fosses Werke sind keine Well-Made-Plays im engeren Sinne, sondern verschlungene poetische Gebilde, die ihre alltägliche Erscheinung wie eine Hülle tragen. Was ist darunter? Vielleicht nur kluges Kalkül.

Eine Wohnung ist der Schauplatz von "Schlaf". Das Stück lässt an ein Prospero-Zitat denken: "Wir sind aus solchem Stoff, aus dem die Träume sind und unser kleines Leben ist eingehüllt in Schlaf." In den fast leeren Räumen treffen Bewohner in verschiedenen Lebensstadien aufeinander. Eine reizvolle Konstellation. Ein junges Paar freut sich, dass es endlich sein eigenes Nest hat, träumt von Kindern. Ein anderes junges Paar will ebenfalls einziehen, der Mann schenkt der Frau einen Kinderwagen, was diese aufbringt statt begeistert. Dann sind da zwei Alte, sie, von Krankheit gezeichnet, wird im Verlauf der Aufführung ein Pflegefall, vom Mann rührend, aber auch mit zunehmender Verzweiflung umsorgt. . .

Kein Geringerer als Karl-Ernst Herrmann hat die Bühne gestaltet, die Leere subtil akzentuiert. Markante Elemente sind ein Scherbenhaufen, in den immer wieder jemand krachend hinein tritt, eine verpackte Toilette und der rot besudelte Heizkörper - Blut? Dieses fehlt dem Geschehen, das wie welkes Laub umher treibt. Dabei sind eineinhalb Stunden nun wirklich nicht lang. Fosses Text wirkt, abgesehen von der schönen Grund-Idee, redundant: "Tut dir der Fuß weh?", "Mir tut der eine Fuß weh", "Hast du ihn dir verletzt?", "Ich weiß nicht". Worte, Sätze plätschern. Das eine Paar kriegt Kinder, das andere entzweit sich, sie verlässt ihn, er bleibt im Appartement . . .

Luc Bondys Inszenierung macht einen zerstreuten und beiläufigen Eindruck. Vor allem im Mittelteil dehnen sich die Minuten zu Stunden. Dafür, dass hier Themen verhandelt werden, die jedermann betreffen - Liebe, Tod, Verlassen-Werden, Einsamkeit, psychischer und physischer Niedergang -, erscheint die Aufführung fahl und vergilbt.

Dabei ist die Besetzung, wie man es bei einem solchen "Event" (Festwochen-Koproduktion mit dem Burgtheater, viel gelobter Autor, Star-Regisseur) erwartet, luxuriös. Da spielen Könner, die einen auch erfreuen würden, wenn sie aus dem Telefonbuch vorlesen. Die leicht erstarrte Kunst Edith Clevers passt wunderbar zu der alten Frau. Was für eine Bühnen-Präsenz! Was für ein grandios stilisierter Realismus! Alleine wegen des weinenden Martin Schwab als altem Mann könnte man das Drama ansehen. Philipp Hauß, linkisch, zärtlich als junger Hausvater, Mareike Sedl als sein braves Mädchen; Adina Vetter, nervös, fahrig, eine Frau, die es nicht schafft, schwanger zu werden; Raphael Clamer sieht irritiert zu, wie sie immer hysterischer wird. Später erfährt man, was aus den beiden geworden ist, er (Werner Wölbern) hat die Rolle des Hausmanns übernommen, sie (Sylvie Rohrer) isst nur mehr bei ihm, wirft sich dem nächsten Mann an den Hals: Köstlich, auch Klaus Pohl, der ihr weder die Liebe noch die Trennung von ihrem Partner glaubt und eilends flüchtet. Schließlich: Christian Nickel als hilfloser Sohn der Alten; wie er da steht, mit dem toten Fisch, den er als Geschenk mit gebracht hat, die Katastrophe, in der die Eltern stecken, ahnend, er will sie natürlich nicht wahr haben. Steckt in diesen Genre-Szenen Bondys große Gabe für die Führung von Bühnen-Menschen? Warum wirken sie dann in ihrer Verwunschenheit oft so steril?

Was ist wirklich dran am vielfach preisgekrönten Autor Fosse? Reicht heute schon eine Idee, um berühmt zu werden? Ist bei dieser Idee nicht allzu viel abgekupfert von Ionescos absurdem Theater bis hin zu Botho Strauß' Paaren, Passanten? Und heute: Gert Jonke, Albert Ostermaier, beide sind origineller als Fosse. Er hat vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Er war Schauspieler. Er versteht sein Handwerk. In seinen banalen Dialogen, seinen ineinander geschobenen Figuren, Identitäten, Zeiten steckt unsere Welt. Keine Frage. Nur: Reicht das für gutes Theater? Ist das nicht bloß ein wenig niveauvoller als Fernsehen?

Im Akademietheater hat Bondy 2000 Yasmina Rezas "Drei Mal Leben" inszeniert, ein "Windhöschen" nannte die deutsche Kritik das Stück. Mag sein, jedenfalls war "Drei Mal Leben" wesentlich spannender, prägnanter als "Schlaf". Das Publikum schien angetan, vielleicht, weil ihm ein qualifiziertes Ensemble erzählte, was es ohnehin weiß. Auch das ist ein Teil des Theaters. Und wo kämen wir hin, wenn angesagte Ereignisse nicht stattfänden? Na also.

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