"Wir sind hier die Traditionalisten!"

Bühne. Sophie Rois über René Polleschs "Das purpurne Muttermal", ab Sonntag im Akademietheater, über sprunghaftes Volkstheater und das trübe, müde Wien.

Ich kann nicht mit Geschichten operieren. Das gibt es nicht als ,Leben', was wir sind", ruft S. "Ich glaube, ich kann riechen, dass du was ganz anderes bist. Vielleicht sind wir schon Tiere", sagt M. Wer ist S, wer ist M? Hat das was mit Sado-Maso zu tun? Ob man kommenden Sonntag im Akademietheater etwas darüber erfährt, ist keineswegs sicher. Bei Pollesch ist nichts sicher. Das ist offenbar der Witz.

Zum dritten Mal zeigt der 44-jährige Regisseur aus Hessen, der an Frank Castorfs wilder Volksbühne verankert ist, eine seiner Kreationen in Wien: Die erste hieß "Hallo Hotel . . . " und verband die nostalgische TV-Serie "Hallo Hotel Sacher, Portier" mit Liliana Cavanis düsterem Film "Der Nachtportier" (1974, mit Charlotte Rampling); KZ-Opfer trifft auf seinen ehemaligen Peiniger.

"Häuser gegen Etuis", ebenfalls im Burg-Kasino zu sehen, handelte von der Großstadt. Nun kommt "Das purpurne Muttermal", eine Verwechslungskomödie im Feydeau-Stil. Erneut zitiert Pollesch einen Film mit Rampling: "Max, mon amour" von Nagisha Oshima 1986; Diplomatenfrau verliebt sich in einen Schimpansen. Ferner benützte Pollesch Theorien der US-Biologin und Feministin Donna Haraway.

Wichtige Protagonistin von Pollesch-Aufführungen ist Sophie Rois. Die gebürtige Linzerin arbeitet wie Pollesch an der Volksbühne. Dort ist auch Martin Wuttke engagiert. Man könnte die beiden als Traumpaar des Theater-Extremismus ansehen.

Beim Interview mit Sophie Rois bekommt man einen Eindruck, wie es auf Pollesch-Proben zugehen könnte. Erst sagt Rois zweimal ab, beim zweiten Mal, weil ihr Text expandiert ist und sie diesen wenige Tage vor der Premiere noch lernen muss. Dann gibt es ein Telefonat, bei dem die berühmte kratzige Stimme, die ein wichtiger Teil von Rois' Wirkung ist, sehr aufgeräumt klingt. Sie redet viel und erstaunlich zusammenhängend. Dann allerdings schreibt sie das Gesagte und Geschriebene komplett um.

Was davon übrig blieb, hier ungekürzt: "Ich möchte etwas produzieren, was ich mir selber gerne ansehen würde. Polleschs Texte entstehen während der Proben. Man unterhält sich, welche Inhalte man bearbeiten möchte, wo sich's lohnt zu klauen, was man gerne plündern möchte und welche Sätze man schon immer sagen wollte. Z. B.: ,Wir lernten uns kennen auf der Bischofskonferenz in Trontheim . . . ' So neu ist dieses Theater nicht. Eher ganz alt. Schnell, direkt, sprunghaft und ganz bestimmt nicht repräsentativ. Prä-psychologisches Volkstheater. Wir sind hier die Werkebewahrer, die Traditionalisten, die Konservativen . . . Wir plündern alle möglichen Theaterformen und nehmen, was uns gefällt. Als ich nach Berlin kam, habe ich bei Gerhard Klingenberg am Renaissance-Theater Feydeau gespielt. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht . . . "

"Positives Denken, Lebensfreude sind in Wien nicht gerade zuhause. Das wirkt auf mich ungeheuer entspannend. Alles ist ein bisschen trübe, müde, mild. Im Alter würde ich gern hier leben. Ich muss langsam anfangen zu sparen. Interessant finde ich auch diese Todesverachtung, mit der hier noch geraucht wird. Wenn ich morgens im Radio Politiker reden höre, stelle ich fest: Es geht nur mehr um das nackte Leben, die Erhaltung der reinen Biologie. Als gäbe es zwischen Menschen nichts mehr zu bewahren als das. Hier scheinen sich die Leute nicht darum zu kümmern. Sie qualmen. Das gefällt mir." Traumpaar mit Wuttke? I wo. Rois: "Das Traumpaar sind Caroline Peters und ich. Peters hat gesagt, sie möchte mit mir ,Sonny Boys' von Neil Simon spielen. Das würde ich sehr gern machen . . . "

Die Frage, ob es sie beschäftige, dass sie als schrill gelte, findet sie hörbar befremdlich. Sie findet sich überhaupt nicht schrill, sei im Gegenteil seriös. Und während man noch nachdenkt, ob das jetzt auch so ein Jokus   la Pollesch oder ernst gemeint ist, sprudelt sie schon über ihre nächsten Projekte. Und die klingen in der Tat eher seriös.

Im Jänner nimmt Rois Flauberts "Madame Bovary" auf, der gesamte Roman kommt als Hörbuch bei Eichborn. Dort hat sie bereits "Jane Eyre" von Charlotte Bront« aufgenommen, am 11. 12. rezitiert sie im Konzerthaus (Mozartsaal) aus dem Buch. Nach mehreren Polleschs braucht sie nämlich - was man ihr nachfühlen kann - eine Pollesch-Pause. Darf man das jetzt zitieren oder nicht? Teufel, ich habe es vergessen.

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