Festspiele Reichenau. Schöner "Rausch" mit Stefan Zweig, "Lulu" ohne Lulu.
Die Dämonie der Liebe verbindet zwei Premieren, die Freitag, Sams tag bei den Festspielen in Rei chenau stattfanden: Frank Wedekinds "Lulu" und Stefan Zweigs "Rausch der Verwandlung", ein Roman aus dem Nachlass. "Lulu": "Urgestalt des Weibes", abseits der bürgerlichen Ordnung, abseits jeder Ordnung; "Selbstverständlichkeit, Ursprünglichkeit, Kindlichkeit" soll sie haben, Liebe, Treue, Dankbarkeit sollen ihr fremd sein. So wollte es der Autor. Lulu ist ein mit Erwartungen schwer beladenes Wesen.
Die aus Berlin stammende Reinhardt-Seminaristin Wanda Worch trippelt in Stiefelchen, orangen Netz-Strümpfen und Korsett über Männerherzen, hat einige starke Momente mit ihrem sich immer wieder entziehenden "Lebensmenschen" Dr. Schön, wirkt aber weder triebhaft noch besonders animalisch; ein Mädchen von heute, dem man eine heutige Rolle wünschen würde, denn dramatische Anlagen sind vorhanden, nur wirken sie noch wenig ausgereift.
"Lulu" stammt aus einer Zeit, da Sexualität noch nicht öffentlich und allgegenwärtig war, sondern ein Tabu. Das Verbotene, Geheimnisvolle machte den Reiz aus. Lulu ist eine Projektionsfläche der Männer. Und die sind in Maria Happels circensischer Inszenierung (mit Akrobaten) im Neuen Raum der Festspiele recht stark: Joseph Lorenz als eleganter Chefredakteur bekommt Szenen-Applaus, als er zum Finale von Revolver-Schüssen Lulus getroffen, von der Treppe stürzt. Markus Meyer gibt den Maler Schwarz, einen zerstörten Toren. Urs Hefti und Hanno Pöschl als Schigolch und als "Artist" Rodrigo: Liebenswerte Ganoven, die auf der Suche nach einem leidlichen Auskommen einen zufällig vorbei schwebenden Busen nicht verschmähen, auch wenn der keineswegs mehr ihr Hauptinteresse ist.
Speziell Pöschl, der ein missmutiges Verhältnis zu dem ihm immer wieder aufgedrungenen Machotum hat, ist zwar kein Schauspieler, aber ein toller Typ fürs Theater, für dieses Stück, wenn er seine erstaunlichen Bizeps vorführt, dann aber eilig verduftet, sobald es brenzlig wird. Marcello de Nardo als Gräfin Geschwitz: hinreißend. Rainer Friedrichsen als Dr. Goll: Interessant, weil kein altes Männchen, sondern ein listiger Lebemann, der sich durchaus lustvoll auf den Voyeurismus verlegt hat, nachdem es mit der Potenz nicht mehr ganz so klappt. Ludwig Blochbergers Alwa wälzt sich mit Lulu auf dem Bühnenboden.
Freilich: Allzu tief wühlt die Aufführung nicht in den Abgründen der Leidenschaft. Dafür rührt sie ans Herz, was im heutigen Theater selten ist. Ach, sie sind ja so arm, die Mannsbilder mit ihren Trieben! Hernach Samstag im Hauptraum des Reichenauer Theaters: "Rausch der Verwandlung". In der Zwischenkriegszeit wird ein armes NÖ-Postfräulein von der reichen Tante aus Amerika in einen Schweizer Kurort entführt, dort als Prinzessin eingekleidet. Als sie wieder zurück muss, in ihre ärmliche Dorfwelt, verzweifelt sie - und verliebt sich in einen Rußland-Heimkehrer. Ein großartiger Roman für den Sommerurlaub (Fischer)!
Stefan Slupetzky, Autor, Illustrator, Wiener, Jg. 1962, hat eine einleuchtende, erfinderische szenische Fassung gemacht: mit zwei Erzählern, die wunderbar das hundsgemeine goldene Wiener Herz verkörpern (Alexander Lhotzky, Hannes Gastinger). Beverly Blankenship liefert eine ihrer besten Inszenierungen unter den Projektionen des Reichenau-Intendanten Peter Loidolt (Bühne) mit einer trübe glimmenden alten Bogenlampe im Bühnenhintergrund.
Regina Fritsch brilliert als Postfräulein Christine Hoflehner und muss endlich einmal fast gar nicht die keifende Megäre sein. Sylvia Lukan als reiche Tante, Marianne Nentwich als Christines Mutter und böse Society-Lady, Sascha Oskar Weis als Lehrer und als Mitglied der Jeunesse-Dor©e, Tamara Metelka als intrigante Carla und als Christines Schwester Nelly, Christoph Zadra als kalter Opportunist, der Christine fallen lässt, nachdem er ihre Herkunft erfahren hat - und ganz besonders Jürgen Wilke als kongenialer britischer Aristokrat sorgen für feines psychologisches Theater, das dennoch nicht altmodisch wirkt.
Nur Toni Böhms Baumwollhändler, ein Holländer, der in den USA reich geworden ist, aber mit englischem Akzent Wienerisch spricht, erscheint als kuriose Fehlbesetzung, Böhm rettet sich in die Maske eines allerdings gediegen komischen Kauzes. Der Kriegsheimkehrer Ferdinand (Michael Dangl) könnte wesentlich kantiger und schärfer sein. Dafür funkt es überzeugend zwischen ihm und seiner Christine. Alles in allem: eine spannende und exzellent aufbereitete Geschichte, welche subtil und farbenreich ihren wahren Hintergrund erhellt: die Verzweiflung und Desillusionierung Zweigs, der 1942 den Freitod wählte.