Salzburg. Peter Handkes "Die Unvernünftigen sterben aus": Feine Gedankenarbeit.
"Ich bin der Kleinaktionär Franz Kilb, der Schrecken der Aufsichtsräte, der Hans wurst aller Hauptversammlungen, die Zecke im Nabel der Wirtschaft mit dem Lästigkeitswert 100 ..." Er kommt mit dem Rad, wirkt völlig bedürfnislos, hat aber ein Messer im Gürtel und besitzt von jeder großen Firma im Land eine Aktie; ein Unruhestifter um des Unruhestiftens willen ist Kilb: "Wer für mich ist, hat nichts von mir. Wer gegen mich ist, der wird mich kennen lernen."
Auf Brechts Spuren wandelte Peter Handke in "Die Unvernünftigen sterben aus" (1973). Unternehmer Hermann Quitt gründet mit seinen Kollegen ein Kartell, das die gesamte Wirtschaft umfassen soll. Doch Quitt steigt aus und ruiniert die Preise. "Der Konsum knackt den Charakter." Die Firmen profitieren davon. Quitt freilich treibt nicht nur die Gier nach Geld, er will spielen, siegen, die Welt erobern, schrankenlos frei sein, dabei gerät er aber immer mehr in eine Depression, verliert sich selbst. "Die Unvernünftigen" sind nicht allein eine Satire auf den Kapitalismus , sie schildern das seelische Verhungern vor den vollen Schüsseln des Materialismus auf eine, wie bei Handke üblich, poetische, versponnene und sprachmächtige Weise.
Beim "Young Directors Project", das im Schauspiel der Salzburger Festspiele für junges Theater etabliert wurde, hat Friederike Heller das Drama inszeniert. Sie war bei der österreichischen Erstaufführung von Handkes "Untertagblues" für Luc Bondy eingesprungen; "Die Unvernünftigen", eine Koproduktion, werden im Herbst von der Burg übernommen. Vor einem transparenten Irrgarten, in dem sich Quitts Privatleben (seine kleptomanische Gattin) verirrt und verliert (Bühne, Kostüme: Sabine Kohlstedt) agiert das Ensemble, das markante Sätze immer wieder in Mikrofone spricht, spielfreudig und sprachbewusst. Die komödiantische Note wurde nicht allzu sehr, aber markant betont, der Schluss verändert: Bei Handke schlägt der anarchische Quitt so lange gegen Felsquader, bis er niederstürzt; der Zerstörer als Selbstzerstörer. Bei Heller rülpst er ins Mikro und geht mit dem Victory-Zeichen grinsend ab: Der skrupellose Freibeuter darf weitermachen, wie es wohl auch in der Wirklichkeit der Fall wäre. Philipp Hochmair, der Popstar im jungen Burg-Ensemble, spielt den Quitt, glänzend, ein kalter Heißsporn, der nicht nur über Glasscherben, sondern auch über Leichen geht, aus überschüssiger Energie, Lust am Hasardieren, alles ausprobieren, nur weiter, vorwärts zum nächsten Abenteuer. "Ich kriege nie genug vom Leben" (Christina Stürmer), singt Quitts ergebene Frau (Sachiko Hara) - und während sich Quitt mit Konkurrentin Paula Tax (Dorothee Hartinger) am Boden wälzt, ertönt ein weiterer Stürmer-Song: "Sieh mich an, liebt sie dich so wie ich". Da wird mit Musik mehr gesagt als mit 1000 Worten, auch das ist legitim, denn der Handke-Text ist recht komplex und redselig.
Die Veranschaulichung des Seelen-Schwundes bei grandiosem äußeren Erfolg funktioniert jedenfalls, Handke verschwindet nicht in Brecht, das Lehrstück bleibt ganz seines. Hermann Scheidleder bringt Nestroy- Töne in Quitts braven Diener Hans, der sich von seinem Herrn emanzipiert, Markus Meyer, Rudolf Melichar, Jörg Ratjen konturieren köstlich die unterlegenen Quitt-Konkurrenten. Am meisten entzückt aber der lustige, gefährlich schlagfertige Kleinaktionär Kilb (Michael Tregor). So sinnlich, leichtfüßig und zeitnah wirkt Handke nicht immer.