Charmant? Niemals!

INTERVIEW. Sven-Eric Bechtolf über "Reigen", "Arabella", Liebe, Hässlichkeit, Metzelei und die Staatsoper.

S
ven-Eric Bechtolf zeichnet. Das kan tige Profil Richard Wagners ist zu er kennen, aber er sieht seltsam aus. Wie ein Punker. "Kann schon sein", sagt der Schauspieler, der ab 2007 den "Ring" an der Staatsoper herausbringt. Im Moment hat er allerdings noch anderes zu tun. Am heutigen Samstag wird Schnitzlers "Reigen" im Burgtheater wieder aufgenommen. Auf stattliche 80 Vorstellungen hat es die Produktion seit 1999 gebracht.

Liebe oder Sex, was ist wichtiger beim "Reigen"? "Wovon handelt Sex?", fragt Bechtolf zurück. Die Antwort, dass es ursprünglich wohl um Fortpflanzung geht, gefällt ihm gar nicht: "Ach so, vögeln und das war's dann? Haben wir nicht den Wunsch nach Nähe? Das vergessen wir so oft. Wenn es da nur um Geschlechtsverkehr ginge, dann wäre das doch sehr dünn." Bechtolfs "Reigen"-Inszenierung wirkt frei von Lokalkolorit oder wienerischem Charme: "Wienerisch charmant ist der Schnitzler überhaupt nicht", faucht Bechtolf: "Das ist ein typisch österreichisches Missverständnis. Die Österreicher haben versucht, sich den Schnitzler zu kaufen. Dieses Stück ist ätzend, melancholisch. Trotzdem hat es Witz, Humor. Bei den Vorstellungen wurde viel gelacht."

Nach dieser "preußischen Standpauke" wechselt das Gespräch zu "Arabella" von Richard Strauss, die Bechtolf am 9. Dezember an der Wiener Staatsoper herausbringt: ",Arabella' ist, mit allem Respekt vor Hofmannsthal und Strauss, scheinbar verunglückt", sagt Bechtolf: "Es war keine glückliche Arbeit, die beiden hatten Auseinandersetzungen, das geht aus dem Briefwechsel hervor. Dann ist Hofmannsthal gestorben, und Strauss hat seinem Freund ein Denkmal gesetzt. ,Arabella' und ,Rosenkavalier' sind verwandte Stücke. ,Rosenkavalier' ist die Sehnsucht nach etwas, das für immer verschwindet, von dem aber noch ein seltsamer Rest in der Luft liegt: das Österreich Maria Theresias, Seelenadel, nostalgische Klänge, Süße, Wehmut. ,Arabella' verweist, obwohl es 1860 spielt, auf die Zwischenkriegszeit, auf eine von Angst bestimmte Zukunft. Hofmannsthal zeigt die Verluderung der Gesellschaft. Da ist diese merkwürdige Familie Waldner, die in Hotels auf Pump lebt, keinen festen Wohnsitz mehr hat. Bewerber streunen um die Tochter Arabella herum, die an den Meistbietenden verschachert werden muss, damit die Familie überleben kann. Es geht in diesem Werk aber auch um die Schicksalhaftigkeit der Liebe, die als eine Art Gottesbeweis fungiert. Das ist sehr schön. Darum finde ich das Stück nicht so schwach, wie man oft sagt. Man sollte es nicht zerschlagen, sondern realistisch, psychologisch machen."

Nach den wilden Sixties scheint es am Theater nunmehr eine Tendenz zu geben, Stücke noch stärker zu verfremden. "Das Regietheater hatte seine Berechtigung. Aber das Schauspielertheater, das ja viel älter ist, wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt. Das heißt aber nicht, dass das ewig so bleiben muss. Die Dekonstruktivisten sind ein Symptom der Krankheit, die sie beschreiben. Man kann nicht Dummheit mit Dummheit und Hässlichkeit mit Hässlichkeit kurieren. Es ist mir ja besonders schwer begreiflich, warum man so in die Hässlichkeit verliebt ist. Man guckt auf die Bühne, sieht ein Gemetzel und denkt sich: Das soll jetzt uns darstellen? Ich finde das schwierig. Es wird sich auch nicht halten. Mit Generalisierungen muss man natürlich immer vorsichtig sein, Castorf, Schlingensief finde ich interessant. Aber oft ist es eben nur immer dasselbe, Anoraks, rote Gummistiefel, Fernseher, Kühlschränke."

Wann wird Bechtolf wieder in einer neuen großen Rolle in Wien zu sehen sein? Nicht so bald, denn er ist nicht mehr fest im Vertrag am Burgtheater. Wird er endgültig vom Schauspiel zur Regie wechseln? "Nein, das sind Erfahrungen, die parallel laufen." An die Übernahme einer Intendanz, etwa der Staatsoper ab 2010, denkt Bechtolf nicht: "Da muss man völlig anders im Musikbetrieb drin sein, als ich es bin."

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