Lustig mit Tschechow

PREMIERE. Bei der "Möwe" in der Josefstadt überzeugten vor allem Nebendarsteller.

D
as soll eine Komödie sein? Eine Schauspielerin tyrannisiert ihre Angehörigen so lange, bis sich ihr Sohn erschießt. Klar, das Komödiantische liegt in der Lächerlichkeit. Trotzdem vermisst man gerade bei Tschechow oft den Humor. In seinen beiläufigen Dialogen macht sich gern Langeweile breit. Im Theater in der Josefstadt möchte man jetzt ein wenig moderner sein. Daher beginnt Tschechows "Möwe" wenigstens heiter. Ein Bühnenarbeiter betätigt die Nebel-Maschine. Ein junger Dichter zappelt nervös herum. Die Hauptdarstellerin erscheint nicht. Die Gesellschaft, die beim Laientheater auf dem Gutshof zusehen soll, wirkt zerstreut. Ein lebenshungriger Greis belästigt alle mit Klagen über sein versäumtes Leben. Nun hebt das Theater auf dem Theater an.

Das pflegt häufig die peinlichste Szene bei der "Möwe" zu sein. Denn das Stück im Stück ist grottenschlecht und der Monolog über Weltgeist und zerstörte Erde dauert ziemlich lang. Doch was ist hier los? Eine Art Punk-Oper findet statt. Der öde Weltschmerz klingt, unterlegt mit dröhnenden Bässen, direkt geistreich, ja visionär. Doch leider, so originell bleibt es nicht . . .

Beim Versuch, Tschechow einen leichten Ton zu geben, wird der deutsche Regisseur Hans-Ulrich Becker immer wieder von der Tragödie davongezogen. Auch hat er nicht so grandiose Schauspieler zur Verfügung wie Luc Bondy im Akademietheater 2002: Gert Voss, Jutta Lampe, August Diehl, Johanna Wokalek. Die einzige rundum überzeugende Figur schafft in der Nebenrolle der Mascha Maya Bothe. Sie zeigt auch, wie Becker, akzentuiert mit Sixties-Songs ("As Tears Go By" von den Rolling Stones), die Auseinandersetzung mehrerer Generationen im Künstlermilieu aktualisieren wollte.

Die zur Punk-Oper passende Punkerin Mascha trinkt Bier, nimmt Drogen und ist dabei, völlig abzustürzen, bevor sie sich an den eigenen Rasta-Zöpfchen noch schnell aus dem Sumpf zieht, den Lehrer (Michael Dangl) heiratet und als brave Ehefrau mit gescheiteltem Blondhaar wiederkehrt, eine frustrierte, aber in ihrem ohnmächtigen Zorn immerhin stabilisierte Ehefrau.

Der zweite interessante Charakter ist Dietrich Hollinderbäumer, einst unter Peymann am Burgtheater, als Sorin. 28 Jahre hat er mit staubigen Gerichtsakten verbracht, immer wollte er etwas erleben. Nichts ist ihm gelungen. Begeistert begrapscht er die nackten Arme der "Möwe" Nina (Gerti Drassl), doch er erntet nur Spott und Ermahnungen mit seinen Tiraden. Am Schluss füttert ihn sein Neffe mit Babynahrung, hernach wird er in ein Eck geschoben und schlafend stehen gelassen. Da ereignet sich eine Tragödie des Alters und keiner will dabei sein, schon gar nicht der Betroffene.

Andrea Eckert, blendend aussehend, spielt die Arkadina mit berückendem Sternchen-Lächeln. Die Ecken und Kanten dieser beinharten Egoistin, die, obwohl sie gut verdient, für Bruder und Sohn keinen Rubel übrig hat und sich nur dann um die Familie kümmert, wenn diese eifrig vor ihr dienert, sind weniger deutlich herausgearbeitet.

Blass bleibt der erfolgreiche Schriftsteller Trigorin, Michael von Au, den man von Münchner Aufführungen (Dieter Dorn) wesentlich präsenter in Erinnerung hat. Ebenfalls nicht optimal geführt: Der Doktor (Toni Slama), dem man sein Weiberheldentum kaum abnimmt. Warmherzig: Sona MacDonald als Polina, Geliebte des Arztes, den sie vergeblich bedrängt, er möge sie erlösen - von ihrer Ehe mit dem routiniert sarkastisch agierenden Siegfried Walther als Gutsverwalter Schamrajew. Gerti Drassl als Mädchen Nina: liebreizend, aber unaufregend. Undramatisch, wie ein resigniert-verdrossener Intellektueller, wirkt auch der begabte Florian Teichtmeister als Kostja. Sein Selbstmord wirkt wenig einleuchtend.

Animierte Stimmung bei der Premiere Donnerstag. Beim Stammpublikum sah man freilich auch manch ratlose Gesichter über diesen Tschechow, der zwar nicht langweilig, aber, trotz ambitionierter Besetzung, keineswegs sensationell geraten ist, bis auf das nette Bühnenbild von Alexander Müller-Elmau vielleicht, der die verführerische und gefährliche Natur - Mond, See, Blitze und am Ende den Toten - in einen riesigen runden Käfig sperrte.

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