Interview: Mehr Räudigkeit für Peter Handke

Regisseurin Friederike Heller über den Dichter, Humor und die "Unzeit".

Kühn, aber treu", erzählt Friederike Heller (31) habe Peter Handke ihre Inszenierung von "Untertagblues" gefunden, die im Oktober 2004 im Akademietheater stattfand. Am Dienstag (5. 9.) hat dort Hellers nächster Handke Premiere: "Die Unvernünftigen sterben aus", eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen. Und noch ein weiteres Handke-Stück wird Heller an der Burg herausbringen: "Spuren der Verirrten" im April 2007.

Nach der zehnten Vorstellung von "Untertagblues" traf Heller den Dichter: "Ich war fürchterlich aufgeregt", sagt sie. Im Vorfeld hatte es Irritationen über ihren freien Umgang mit dem Text gegeben; statt in der U-Bahn spielte das Stück im Kopf des Hauptdarstellers, der wie Handke kostümiert war. "Handke hatte Bedenken, ob das nicht den Charakter verfälscht. Wir haben uns dann per Brief ganz gut verständigt. Ich denke, es hat ihm Spaß gemacht zu sehen, was wir daraus geformt haben. Vielleicht ist es ja auch ein schönes Gefühl zu merken, dass die nächste Generation auch noch etwas mit diesen Texten anfangen kann."

Die Uraufführungen bleiben allerdings in den Händen der alten Garde. Claus Peymann inszenierte am Berliner Ensemble die Uraufführung von "Untertagblues" und bringt auch jene von "Spuren der Verirrten" heraus. Wie geht man als junge Regisseurin mit den Schatten der "Altmeister" um? "Während der Arbeit spielt das keine große Rolle", meint Heller: "Peymann macht seine Sache und wir machen was anderes."

Wovon handelt "Spuren der Verirrten"? "Es hat viel von ,Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten', aber auch viel von ,Spiel vom Fragen'. Es geht um Paare, aber das ist nur das Konstrukt, auf dem andere philosophische Fragen abgehandelt werden, etwa die Unzeit. Ein poetischer Begriff, den man mit Fantasie zu füllen hat. Ich finde, es hat viel mit Überlegungen über das Sterben zu tun, aber auch mit dem, was nach der Moderne oder Postmoderne kommt. Darüber rätselt man ja überall. Ein Punkt ist die Möglichkeit, wieder Krieg zu haben oder zu führen, ein weiterer, dass sich eingeschliffene Muster auflösen, Konventionen, Perspektiven nicht mehr gelten wie das die letzten 50 Jahre der Fall war."

Wohin geht die Reise? "Ich denke, ein bisschen in eine faschistoide Richtung. Es gilt das Recht des Stärkeren. Man bewegt sich weg von den Idealen der Aufklärung hin zu einer Barbarisierung, wobei das vielleicht schon wieder zu wertend klingt. Ich beobachte die Entwicklung erstmal ein bisschen furchtsam, aber noch nicht so klar skeptisch negativ. Was wir alle bemerken ist, dass Werte-Systeme nicht mehr tragen und viele verwirrt sind."

Die Kritiken für "Die Unvernünftigen sterben aus" in Salzburg (Premiere: 10. 8.) waren positiv. Im Zentrum des Stücks aus den Siebzigern steht der Unternehmer Hermann Quitt (Philipp Hochmair), der sich nicht an Preisabsprachen hält und die Macht an sich reißt: "Quitt startet eine Art Experiment, um mehr an sich selbst heranzukommen. Dabei lässt er wie im Heuschrecken-Kapitalismus seine Partner über die Klinge springen. Am Ende muss er feststellen, dass sich nichts verändert hat. Er ist wieder in der Ausgangsposition des Siegers im Gesellschaftsspielchen, hat lediglich ein höheres Treppenstüfchen erklommen, ist aber sich selbst und seiner Gefühlswelt genauso entfremdet wie zuvor."

Haben Geldmenschen Gefühle? "Sicher. Aber ich glaube, dass sie zu einem frühen Zeitpunkt in ihrem Leben die Entscheidung treffen, die Arbeit und die privaten Emotionen zu trennen. Ich erlebe das bei meiner Mutter, die Ärztin ist. Da sieht man ja die grausamsten Schicksale und trotzdem habe ich eine gänzlich unbelastete Mama erlebt. Das Berufliche wird einfach irgendwo verstaut. Ich glaube, bei Brokern oder Anwälten ist das genauso. Das ist vielleicht ein gewisser Selbstschutz." Bei der Zeichnung des Herman Quitt habe sie sich an "Wirtschaftshelden meiner Generation, etwa diesen Yahoo- oder Google-Gründern" orientiert: "Wir haben so ein klassisches Bild von Unternehmertum, das man als Klischee mit sich führt. Man denkt immer, Unternehmer sind rational, das stimmt nicht. Mich hat interessiert, wie sich jemand auf meiner Augenhöhe in Position zur Welt setzt."

Bei einer Reihe von Aufführungen der Salzburger Festspiele flogen heuer Torten, auch bei den "Unvernünftigen". Running Gag oder Ideen-Armut? "Ich dachte nicht an Torten-Schlacht", erklärt Heller, "sondern an Attacken auf Prominente: Kohl hatte die Eier im Gesicht, Joschka Fischer den Farbsack, Bill Gates die Torte. Die Assoziation war: Globalisierungsgegner. Die Idee war auch, Komödie zu machen. Es ist ja schon sehr viel Text, der einem da ins Ohr geheftet wird. Bei den Proben sind wir lange einen ernsten Weg gegangen. Jetzt in Wien möchte ich, dass noch zwei bis acht Prisen mehr Humor hineinkommen. Ich glaube, dass Handke viel mehr Lachen verträgt. Er hat einen feinen, lustigen Humor. Seine Stücke können aber auch mehr Rauheit und Räudigkeit vertragen. Da sind nicht nur schöne Gedanken und eine schöne Sprache. Er selbst ist auch nicht nur edel. Er springt herum, erschreckt die Leute beim Zuschauer-Gespräch, nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht am Grab von Milosevic, hat den Mut, etwas nicht richtig zu machen. Das muss man sich abschauen."

Wie steht es um die gesellschaftspolitische Kraft des Theaters? In einem Interview meinte Bruno Ganz, die Bühnenkunst sei weit weg gerückt vom Zentrum: "Das stimmt, in Wien nicht so ganz, aber für den deutschsprachigen Raum trifft das ziemlich zu. Leider. Dennoch bietet das Theater gegenüber anderen Medien die Chance, dass Menschen sich freiwillig und ernsthaft Fragen stellen. Das ist eine nicht zu unterschätzende Kraft und eine tolle Qualität."

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