Kulturpolitik. Wien hat viel zu viele Bühnen. Die Windmaschine Theaterreform wird daran nichts ändern.
Die Situation ist scheußlich. Es ist wie eine zweite Emigration", sagt Nika Brettschneider. Seit über zwei Jahrzehnten betreibt sie mit ihrem Mann Ludvk Kavn das Theater Brett (Wien 6). Man spielt Beckett, Jandl, Dostojewski. Brettschneider und Kavin unterstützten die tschechische Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Einer ihrer Sprecher war der Dramatiker und spätere tschechische Präsident V¡clav Havel. Die Charta-Kämpfer wurden verfolgt, verhaftet, ausgebürgert. Brettschneider und Kavn mussten flüchten.
1984 eröffneten sie ihr Theater Brett. Seit Anfang 2006, erzählt Brettschneider, sind die Subventionen - rund 160.000 Â im Jahr - gestrichen. 6000 Â machen die Hauskosten monatlich aus. Die Auslastung liegt offiziell bei 50 Prozent. Aufgeben? "Wir müssten Geld bekommen, eine Ablöse. Ich überlege und überlege, was wir tun sollen. Alles ist so absurd", sagt Brettschneider. Heute, Mittwoch, gibt es noch ein Gespräch mit Stadtrat Mailath, der (siehe unten) wenig Hoffnung lässt. Trotzdem plant man die nächste Premiere. Absurdes Theater: "Brammer sieht Schwarz" von Armin Baumgartner.
Was tun? Soll man die betagten Theaterleute bemitleiden? Sich lustig machen über die Zähigkeit, mit der sie an ihrer Bühne festhalten? Oder soll man sich wundern über die Blauäugigkeit von Künstlern, die so völlig überzeugt sind von ihrer Arbeit? Wie auch immer: Über 200 Mio. Â beträgt Wiens Kulturbudget. Da werden die 160.000 Â fürs Theater Brett wohl noch drin sein.
Die Politik will es anders. Mailath initiierte 2004 eine Theaterreform, aufwendig mit Gutachtern und Jurys. Viel weitergegangen ist dabei bisher nicht. Serapionstheater, Ensemble-Theater am Petersplatz, Kosmos-Theater, Theater des Augenblicks machen munter weiter. Warum auch nicht?
20 bis 30 Vorstellungen zählt man im täglichen Theaterprogramm. Da kann es auf ein paar wenige, letztlich willkürlich von Experten ausgeschiedene Bühnen nicht ankommen. Es bilden sich auch immer wieder neue, teils, weil sie Subventionen bekommen, teils, weil sie ein interessantes Programm haben und auf öffentliche Unterstützung hoffen - wie etwa der Nestroy-Hof, der eine erschütternde Ausstellung über Kinder-Transporte in der Nazi-Zeit zeigte und Jelinek spielte; derzeit ist Robert Quitta mit "Freud analysiert sich" zu Gast.
Bei den neuen Theatern fragen sich Kritiker gelegentlich, worin das so schlagend Neue nun eigentlich bestehe, ob es nun um Hubsi Kramars 3-Raum-Anatomietheater geht, das Kabinett-Theater oder das TAG, das nun die Gruppe 80 bevölkert, deren verdiente Leiter sich als Einzige freiwillig zurückgezogen haben. Allzu voreilig, wie sie vielleicht jetzt ahnen. Vermutlich wäre gar nichts geschehen, wenn sie geblieben wären. Den anderen ist auch nichts passiert.
Seit Mailath reformiert, muss er sich des Öfteren mit erbitterten Theatermenschen herumschlagen, die ihn beschimpfen oder ihm auf der Nase herumtanzen. An den Grundproblemen der Wiener Off-Szene führen solche Gefechte vorbei. Das Theater weigert sich einfach, zur Kenntnis zu nehmen, dass es unter den Künsten schon lange nicht mehr die erste Geige spielt.
Film ist stark präsent. Die bildende Kunst hat enorm aufgerüstet. Renovierte Museen, Großausstellungen, das Museumsquartier als Marktplatz, das sind ernste Konkurrenten des altmodischen Bühnenwesens, das in häufig ungeeigneten Räumen seinen Träumen von Weltverbesserung nachhängt. Was sogar okay wäre, gäbe es nicht um die 50 Theater in Wien. Das ist zu viel. Mit und ohne Subventionen, es tobt ein Kampf ums Überleben. "Es gibt keine Ressourcen-Planung. Man bedient Begehrlichkeiten, statt der alten nun die neuen in feudalistischer Manier", so ein Szenekenner. In manchen Bezirken (Innere Stadt) gibt es viele Bühnen, in anderen wieder fast gar keine (21./22. Bezirk). Großinstitute wie Burg, Volkstheater betreiben Off-Kunst. Gibt es im alten Theater überhaupt Neues? Ist nicht schon alles erfunden - oder abgekupfert?
Das Unterhaltungsbedürfnis wird mit Dumping-Preisen bedient, etwa beim Lustspielhaus (Tickets: 10 Â). Separate Behandlung von Kommerz und Experiment gibt es nicht. Finanziert wird beides, das Gloria-Theater in Floridsdorf ist ebenso eine Boulevardbühne wie der zeitweise anspruchsvoll programmierte Rabenhof. Und wenn man etwas Originelles machen will, hängt man einfach irgendwelche Theater zusammen, wie das bei Künstler- und Konzerthaus-Theater mit Theater des Augenblicks und vielleicht Kabelwerk geplant ist. Wobei man mit jungen ausländischen Kräften besetzt, die vermutlich ideenreich, aber auch fremd in der Stadt sind. Theater ist regional, Wien ist weder Berlin noch München.
Außerdem fördert man mit der Literaturwerkstatt "Wortstaetten" neue Stücke. Das Programm wirkt spannend. Die meisten neuen Dramen werden dennoch aus dem deutschsprachigen Raum importiert. Dorthin gehen auch Theaterleute, die wirklich etwas werden wollen. Denn hier kann es leicht passieren, dass man im Wildwuchs weder bemerkt wird noch Geld bekommt.