Kritik Theater: Schnurz! Murks! Shakespeare

Salzburger Festspiele, "Viel Lärm um nichts", befremdlich verfremdet.

Es knattern die Hubschrauber. Die Militärs kommen aus dem Krieg und wollen sich vergnügen. Die Mäd chen warten schon, lassen rote Herzchen-Ballons in die Kuppel des Zirkus-Zelts im Salzburger Volksgarten schweben, während Paolo Conte singt. Schließlich spielt Shakespeares "Viel Lärm um nichts" in Italien; und tatsächlich beginnt die Komödie mit dem Ende eines Krieges.

Die Truppe des Prinzen von Aragon, Don Pedro, kehrt - ohne große Verluste in den angesehenen Familien - heim und macht Station in Messina. Dessen Gouverneur Leonato hat eine junge, schöne Tochter, Hero, die der florentinische Graf Claudio, ein enger Freund Don Pedros, umwirbt. Don Pedro will ihm dabei helfen. Don Pedros Halbbruder Don Juan aber spinnt eine Intrige zur Verhinderung der Hochzeit.

Hero wird als Hure angeschwärzt, Claudio deckt ihren vermeintlichen Betrug bei der Hochzeit auf, stellt sie bloß und lässt sie fallen. Auf Rat eines Mönchs wird Hero verborgen und für tot erklärt. Das Missverständnis klärt sich auf. Alles geht gut aus. Die Hauptpersonen in "Viel Lärm um nichts" sind allerdings Benedikt und Beatrice, zwei streitbare Ehe-Feinde, die nach heftigen Wort-Gefechten und einer weiteren Intrige in Liebe zu einander finden . . .

Warum die ausführliche Erklärung der Story? Weil von Shakespeares Text in Salzburg nur Fetzen und Zitate übrig geblieben sind. Man hat den Eindruck einer Probe beizuwohnen, in der die Schauspieler improvisieren, um in die Gefühle ihrer Figuren hinein zu finden. "Ich übergebe mich - Dir!" Ruft etwa Claudio Hero zu. "In der Liebe geht es grundsätzlich um das Ping!", sagt Heros Kammerfrau Margarethe. Der natürlich in Wahrheit vorgegebene Text ist witzig, hat aber mit der Poesie des Originals nur mehr am Rande zu tun. Noch gravierender sind die Eingriffe in die Handlung. "Viel Lärm um nichts" ist (wie meist bei Shakespeare) eine dunkle Komödie, aber so dunkel? Nach der Pause läuft Claudio Amok. Er erschießt Heros Vater Leonato, Benedict und anschließend sich selbst . . . Interessant ist das insofern, als es vermutlich auf eine weitere "Wende" des deutschen Theaters hinweist.

Die 68er zertrümmerten die Stücke. Aber sie blieben, trotz aller Verzeichnungen, Verfremdungen, Bearbeitungen, Neu-Übersetzungen noch immer halbwegs bei der Geschichte. Die nächste Regisseur-Generation kürzt und hackt zusammen, dass nur mehr Reste von den in der Tat epischen Klassikern bleiben. Pop-Märchen mit viel Musik sind stark en vogue. Inzwischen gibt es kaum mehr eine "moderne" Inszenierung, in der nicht der Schluss des Werks verändert wird, gleich ob Ibsen oder Handke.

Was bleibt? Die Handlung neu zu erzählen. Damit ist allerdings ein gewaltiges Feld eröffnet. Vielleicht sehen wir demnächst Goethes Faust zur Hölle statt gen Himmel fahren - und Don Giovanni in den Himmel statt zur Hölle. Luise und Ferdinand werden dann in Schillers "Kabale und Liebe" wohl nicht sich selbst, sondern den Präsidenten von Walter vergiften. Ein Vorschlag: Man könnte ins Programm schreiben, wo das Original-Stück stattfindet und wo nicht.

Über die Total-Veränderung von "Viel Lärm um nichts" lässt sich streiten. Darum wurde sie wohl auch gemacht. Nicht streiten lässt sich über die Inszenierung des jungen "Shooting-Stars" (ein beliebtes Etikett für Provokateure), David Bösch. Er dekliniert sämtliche Einfälle durch, die Regisseuren einschießen, wenn sie "zeitgemäß" wirken wollen. Da wird gebrüllt, getobt, martialisch mit Pistolen herumgefuchtelt, immer mal wieder wird einer im Brunnen fast ertränkt. Vor dem verzweifelten Papa Leonato werden Benzinkanister entleert. (Achtung! Gleich wird das Haus abgefackelt!)

Es gibt Anklänge an "Starmania", wenn Claudio sein Liebeslied singt - und Mitspieltheater: Die Damen müssen Beatrice rufen, die Herren Benedikt. Schon bei Handke im Salzburger Republic am Donnerstag wurde eine Torte geworfen, auch hier darf sie nicht fehlen: Riesig und rosa prangt sie in der Bühnenmitte, die Akteure beschmieren einander mit Schaum.

Trotz all dieser zu Tode strapazierten Gags wurde die Produktion bejubelt. Zu Recht. Denn die höchst lebendigen, vital und lustvoll agierenden Schauspieler entzücken: Judith Hofmann und Alexander Simon als ruppige Singles Beatrice und Benedikt, Jörg Koslowsky als kahler, melancholischer Don Pedro, Harald Baumgartner als skurriler Leonato, Julie Bräuning als kecke, verwöhnte Hero, Tim Porath als in der Liebe wie in der Wut überschäumender Claudio; Sandra Flubacher genießt als robuste Kammerfrau Heros, Margarethe, ihren Part als Showmaster. Daniel Hoevels ist ein passend perfider Don Juan, seine Begleiter Borachio (Renato Schuch) und Conrad (Asad Schwarz-Msesilamba) dienen ihm willig. Statt zu fliehen, setzen sich die Bösewichte übrigens zu Anna Netrebko ab, auch so ein Pseudo-Impro-Spaß, der eifrig belacht wird.

Kein Zweifel, wer dergleichen mag, hat sich gut amüsiert bei dieser Aufführung - die Kritiker lehrt, dass sie künftig die Stücke nicht mehr lesen müssen. Was für eine Arbeitsersparnis! Trotzdem wird es nicht ausbleiben können, dass sich jüngere Regisseure zwischen allen Manipulationen mehr Spannendes, Zwingendes für die Sache selbst, das Werk, einfallen lassen. Das geht. Man sah es in Salzburg letztes Jahr bei "Penthesilea" (Regie: Stephan Kimmig) oder bei "Othello", einer sehr starken Neubearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Nur Zusammen-Hauen ist zu wenig.

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