Kritik Theater: Amouröses & Tragisches vom nervigen Landleben

Tschechows "Onkel Wanja", ungewohnt komödiantisch, als letzte Festspiel-Premiere in Reichenau.

Noch ein Schuss und Schluss! Der Revolver spielt heuer in Reichenau eine große Rolle. In Stefan Zweigs "Rausch der Verwandlung" kokettiert das Liebespaar mit Selbstmord. Lulu erschießt Dr. Schön. Auch Tschechows "Onkel Wanja" feuert zweimal auf seinen verhassten Schwager Alexander, doch trifft er ihn nicht. Der Mordversuch ist der Höhepunkt in den "Bildern aus dem Landleben", wie Tschechow das 1899 uraufgeführte Stück nannte. Es geht um Liebe, Langeweile, den Niedergang einer Gesellschaftsschicht - und erstaunlich viel um die Zerstörung der Natur. Die russische Oberschicht sieht der Auflösung ihrer Lebensgrundlagen durch sinkende Agrarpreise, kolonialistisch agierende Investoren, Verschuldung der Güter, Verarmung großer gesellschaftlicher Gruppen träge zu.

Das Theater freilich kann von miesen wirtschaftlichen Eckdaten kaum profitieren. Burgschauspieler Bernd Birkhahn hat den "Wanja" inszeniert. Mit gutem, nach der Pause mit bestem Gewinn treibt er dem russischen Landleben die Ödnis aus. Da wird geherzt, geküsst, getanzt, getobt, getrunken. Vielleicht hat Birkhahn ebenso tief nachgedacht wie all die Groß-Regisseure, die in letzter Zeit Tschechow interpretierten. Aber man spürt es weniger. Das ist angenehm.

Florentin Groll spielt den Arzt Astrow als lonesome cowboy, dessen Libido infolge mangelnder Anreize derart eingeschlafen ist, dass er sich lieber von der alten Kinderfrau (resch: Gertrud Roll) umarmen lässt, als die Liebe der jungen Sonja (wunderbar gutherzig, melancholisch, eine Entdeckung: Monika Wiedemer) anzunehmen. Der Astrow ist eine heimliche Hauptfigur des Stückes, ein hoffnungsloser Romantiker, nicht nur, wenn es um die Rettung der Wälder geht, sondern auch in der Liebe, dabei ein zynisch hellsichtiger Kenner der Frauenseele. Noch hat der Wodka den alten Adam nicht ganz erlegt, darum verliebt er sich in die schöne Helena (Elena, Gattin des Professors). Sie erwidert seine Zuneigung, traut sich aber nicht, sich mit ihm einzulassen.

Petra Morzé, blond, attraktiv, fein, spielt diese Frau, die sich schon lang überlegt, ob sie ihren egomanischen Gatten betrügen soll. Aber was ist dann mit ihrer Existenz? Also lächelt Elena fortwährend, halb strahlend, halb hysterisch und betont ein ums andere Mal: "Ich halte es nicht mehr aus!"

Groll und Morzé sind ein entzückendes Paar. Und Dietrich Mattausch ist die optimale Besetzung für den Gelehrten, den Pensionsschock und ländliche Ödnis in eine hypochondrische Orgie treiben, mit der er seinen Mitmenschen noch mehr auf die Nerven geht als sonst. Menschlich am stärksten berührt André Pohl als Onkel Wanja. "Ein Schopenhauer hätte ich werden können!", ruft er. Und in der Tat, die Einsichten dieses wider Willen an der Scholle festgezurrten Intellektuellen mit rotem Haar und Bart sind verblüffend. Weil sie aber keinen kümmern und sich erotisch auch nichts tut, wirkt Wanja mit seinen 47 Jahren schon gerupft und verwahrlost wie ein alter Hahn - das desolate Pendant zum virilen Astrow, grimmiger Humor verbindet die zwei.

Hans Dieter Knebel gibt den verarmten Gutsbesitzer Telegin, Lotte Ledl Wanjas Mutter, eine gut konservierte, sture Seniorin. Vor der Pause zieht sich die Aufführung zeitweise etwas hin. Die Stimmung im Haus wirkte, trotz Klimaanlage, anfangs matt. Tschechows Figuren brauchen geduldige Zuhörer. Der Schlussjubel klang aber dann durchaus angetan. Vielleicht sollte man künftig Tschechows Menschen bei gleich bleibendem Klagepegel einander öfter bespringen lassen. Das belebt!

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