"Arsen und Spitzenhäubchen" von Joseph Kesselring im Akademietheater, höchst vergnüglich.
Da werden sich die Massen vor den Kassen stauen. Besser man über siedelt "Arsen" gleich vom Akade mie- ins Burgtheater. Was man aus einem "alten Hadern" machen kann! Im Grunde ist derartiges ja mehr in der Josefstadt daheim, wo erst 2004 in den Kammerspielen Joseph Kesselrings "Arsen und Spitzenhäubchen" zu sehen war - mit Elfriede Ott und Erni Mangold in den Hauptrollen der beiden alten Damen, die aus Mitleid (!) einsame alte Herren vergiften; 1985 spielten Vilma Degischer und Susanne Almassy.
Die Gefahr war, dass die Burgtheater-Walze mit kritischem Grübeln den Lustspiel-Evergreen platt drückt. Doch die Schweizer Regisseurin Barbara Frey ließ dem Boulevard-Klassiker seinen good humour. Und nützte doch des Dramaturgen Joachim Lux gediegenen Scharfblick, um tief in das Komödchen hineinzuleuchten.
Seltsam wirkt allerdings die Sicht auf die beiden alten Ladies: Kirsten Dene und Libgart Schwarz wirkten sehr gezähmt in ihrem dramatischen Aplomb bei der Premiere am Mittwoch. Hier ein kokettes oder wissendes Lächeln, da eine Hand, die vor den Mund geschlagen wird. Trotzdem weht eine leise, steife Bernhard-Brise auf dem Boulevard.
Alles in allem präsentiert sich diese Version von "Arsen" als Herrenabend. Michael Maertens brilliert als Theaterkritiker; Kesselring verpasste der Zunft eine gehörige Breitseite mit dieser Figur, die selbst den strengen FAZ-Kritiker zum Lachen brachte.
Immer wieder hat Maertens perfekt den modernen ich-unsicheren, hysterischen Mannes verkörpert, der ständig schwankt zwischen Durchdrehen und Rückzug. Hier sollte er den einzigen Normalen spielen. Tatsächlich ist dieser Normale der einzige, der sich richtig verrückt aufführt, sobald er begreift, was vorgeht. Es ist atemberaubend, welche Facetten Maertens aus der Figur des Mortimer heraus holt: den pedantischen Intellektuellen, den säuerlichen Möchte-Gern-Karrieristen, den braven Buben, der seine auf Abwege geratene Verwandtschaft auf den rechten Weg zurück bringen will, den zukünftigen nervigen Ehemann.
Wenn das Stück zu Ende ist, möchte man rufen: Weiter bitte! Nochmal! Hinreißend auch: Urs Heftis Teddy Brewster, der sich einbildet, US-Präsident zu sein. Großartig: Johann Adam Oest als der fortwährend nach dem nächsten Drink bibbernde Doktor Einstein. Und köstlich, freilich in seiner Boris-Karloff-Kostümierung kaum zu erkennen: Peter Simonischek als irrer Massenmörder Jonathan. Maria Happel setzt entzückende schrille Akzente als Pfarrerstochter Elaine Harper; das Mädchen leidet gehörig unter sexuellem Notstand und macht sich blitzschnell frei, sobald die Chance besteht, diesen zu beseitigen. In verschiedenen kleinen Rollen begeistert Peter Matic - was für ein Kaliber für solche Petitessen! Matic spielt den betulichen Pfarrer, den blinden Wohnungssuchenden Mr. Gibbs, den Polizisten O'Hara, der seit 32 Jahren an einem monströsen autobiografischen Drama schreibt; und den Irrenarzt Mr. Witherspoon, den die alten Damen noch schnell mit ihrem Hollunderwein um die Ecke bringen, bevor er sie in die Anstalt abtransportieren kann. Kein Ausbruch möglich aus der verrückten Welt. Wie in einem Perpetuum Mobile geht alles weiter, sobald der Vorhang gefallen ist - und die Zuschauer mit viel Applaus den sommerlichen Burg-Ausflug zur leichten Muse quittiert haben . . .
In einer wahren Flut von bis ins Detail präzisen Miniaturen hat Barbara Frey jede einzelne Figur aus dem Lustspiel-Schema F herausgelöst und sie wie unter einem Vergrößerungsglas scharf gestellt.
Ist "Arsen und Spitzenhäubchen", wie der Autor schrieb "eine Satire, die mit spitzen Fingern auf die angeblichen Helden des New Deal zeigt, auf die Polizei, auf die Theaterkritiker und auf die gesetzten Nachkommen der Mayflower"? Kaum, wiewohl der Ansatz zur Gesellschaftskritik da ist und auch aktuelle Themen angetippt werden: die gruseligen Veränderungen des Menschen durch plastische Chirurgie, das Phlegma polizeilicher Witzfiguren, die farcenhaften Perspektiven der Ehe, der ganz normale Wahnsinn, der die leise Stimme der Vernunft langsam erstickt - wenn Mortimer nicht imstande ist, seinen Tanten ihr Verbrechen plastisch zu machen.
Insgesamt bleibt die Story aber doch mehr eine Pointen-Kanone, von den Burgschauspielern souverän bedient; mit der - allerdings erwartungsgemäßen - Lust, endlich einmal nicht mit schwerem Gepäck reisen zu müssen. Trotzdem sitzt man in dieser mit 2 3/4 Stunden recht epischen Aufführung zeitweise wie als Vierjährige im Kasperltheater - mit entsetzt angehaltenem Atem, als würde das Krokodil gleich kommen und einen selbst fressen. Und das ist die größte Kunst an dieser Kreation.