Raimundtheater: "Rebecca"-Premiere

PREMIERE. "Rebecca"-Musical, sehr altmodisch, aber mit tollen Special Effects.

"Wir fahren im Bus durch London", trällert Christina Stürmer. "Mein Spiegel zeigt mir nicht, was ich seh'n will", härmen sich Tic Tac Toe. Und ganz zum Thema Beauty passend: "Ja, Prinzesschen, du hast Macht, bist die Königin der Nacht", singt Schlager-Sternchen La Fee. Was aber macht Musical-Intendantin Kathrin Zechner? Sie wählt ausgerechnet die betagte "Rebecca" für ihre zweite Musical-Premiere. Das muss Liebe sein.

Aber nicht nur: Es gibt auch praktische Gründe. Nach künstlerischen Flops wie "Barbarella" und kommerziellen wie "Wake up" konnte Zechner mit "Romeo und Julia", klotzig, aber bei der Jugend beliebt, einen Erfolg verbuchen. Bei "Rebecca" stützt man sich nun wieder auf ein altbewährtes Team, den Musiker Sylvester Levay (61) und den Texter Michael Kunze (63). Die beiden schrieben u. a. den auch im Ausland geschätzten Langzeit-Hit "Elisabeth". "Rebecca" ist sozusagen die Fortsetzung von "Elisabeth" mit anderen Mitteln.

Die eigenwillige Kaiserin des 19. und die nymphomanische Lebedame des 20. Jahrhunderts könnte man auch als verschiedene Etappen der sich entwickelnden Emanzipation sehen. Wer jetzt glaubt, hier würde in Regie-Theater-Manier dem unverändert lesenswerten und spannenden Melodram Daphne du Mauriers (1907-1989) eine schneidende, kritische Note verpasst, sei getröstet.

Levay komponierte eine fette Musical-Oper zwischen Schnulzen und Neutönerei. Kunze schrieb teilweise Neocon-Texte im Eva-Herman-Ton: "Mit der Stärke einer liebenden Frau . . . (Sie) läuft nicht fort, wenn man sie braucht, versetzt Berge und teilt das Meer . . . sie kämpft um den Mann, den sie liebt." Die "Ich"-Erzählerin der Geschichte, gleichzeitig die weibliche Hauptfigur, geht auf in der Rettung des Gatten. Die freche Verführerin ist von Beginn an tot. So haben wir das gern, wir fortschrittlichen Frauen.

Lassen wir Philosophie und Gesellschaftspolitik, die dem Entertainment mit Recht egal sind, beiseite, bleibt, rein ästhetisch betrachtet, ein höchst konventionelles, ziemlich episches Drama mit sehr ordentlichen Protagonisten, Chören, in denen gelegentlich von ferne Wagner widerhallt, und braver Schrittchen-Choreografie, wie es die Vereinigten Bühnen schon oft hatten.

Der Unterschied liegt in wenigen, aber entscheidenden Details. Die Produktion zeichnet eine erfreuliche Perfektion aus. Da gibt es keine übersteuerten Mikros, keine überbordende Lautstärke, keinen darstellerischen Dilettantismus. Sollte nicht vorkommen bei einer von der öffentlichen Hand finanzierten Luxus-Aufführung? Ist aber schon vorgekommen in VBW-Musicals.

Eine echte Attraktion hat "Rebecca": Die Optik ist grandios, vor allem dank Projektionen - wie sie nebenbei erstmals zur Entstehungszeit des Romans in den Zwanziger- und Dreißigerjahren im Theater verwendet wurden - sowie dank des Licht-Designs (Sven Ortel, Andrew Voller). Da rollen auf einer Riesenleinwand Meereswogen.

Da dampfen Nebel, taucht das Gruselschloss Manderley wie bei Hitchcock (sein Film von 1940 wird mehrfach zitiert) auf und wieder ab. Am Schluss verschwindet der Landsitz im Flammenmeer. Allein deswegen sollte man die Aufführung nicht versäumen. Es ist interessant, dass so etwas technisch möglich ist. Man denkt an den Ringtheaterbrand 1881 (fast 500 Tote).

Übrigens ist es ratsam, sich Plätze am Rang zu besorgen, weil man den ganzen "Zauber" von dort besser sieht als im Parkett. Die Schauspieler haben Ausstrahlung über das hinaus, was man von den oft synthetisch wirkenden, weil überforderten Musical-Menschen - singen, tanzen, spielen - gewohnt ist. Uwe Kröger, ein Publikumsliebling in Wien, seit der Deutsche in "Elisabeth" den Tod spielte, zeichnet tadellos, aufbrausend, aber nicht ohne Wärme den von seiner ersten Gattin Rebecca betrogenen Upper-Class-Gentleman Maxim de Winter. Wietske van Tongeren ist eine liebreizende Ich-Erzählerin (eine sehr sanfte Variante von Madonna). Die bösen Weiber wecken allerdings mehr Interesse: Carin Filipcic als schrille US-Millionärin und Susan Rigvava-Dumas als finstere Haushälterin Mrs. Danvers, der unsichtbar bleibenden Rebecca bis in den Tod ergeben.

Das schöne Phantom wird hier nicht erschossen wie im Roman, sondern stirbt bei einem Sturz, um die Story - recht geschickt - abzukürzen. US-Regisseurin Francesca Zambello sorgt für sinnerfüllten Ablauf mit vielen Umarmungen und Küssen. Im Orchestergraben waltet präzise Caspar Richter. Insgesamt: Ansehnlich und um einiges besser als das, was man zuletzt bei den Vereinigten Bühnen sah. Ob sich die Retro-"Rebecca" zu einem "Glück für die ganze Familie" entwickelt? Das bleibt abzuwarten.

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