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Kritik Burgtheater: Was heißt hier Entführung?

Die Staatsoper im Burgtheater. Über die veritable Vergewaltigung einer populären Mozart-Oper.

Außer Wolfgang Amadeus Mozarts "Entführung aus dem Serail" war keines der Auftragsstücke dazu an getan, Kaiser Josephs einstigen Traum vom "deutschen Nationalsingspiel" nachhaltig träumen zu lassen. Das Nachfolge-Haus der k. k. Uraufführungsstätte am Michaelerplatz, das Burgtheater am Ring, nimmt zum Mozartjahr eine Anleihe bei der Historie - und versetzt dem kühnen Projekt von anno 1782 den Todesstoß: Jetzt geht offenkundig nicht einmal mehr die "Entführung"! Diese Erkenntnis verwundet den Musikfreund tief, handelte es sich bei der Neuproduktion doch nicht um den sympathischen Versuch eines Schauspieler-Ensembles, dilettierend einer Oper beizukommen. Mochte die so genannte Inszenierung auch nach einem solchen aussehen. Das Problem war: Es klang auch so.

Obwohl das Programmheft verkündete, das Ganze sei eine Koproduktion mit der Wiener Staatsoper, stellte mancher Premierengast im Verlauf des Abends die bange Frage, ob durch einen Irrtum nicht doch eher die Burg-Komparserie mit der Realisierung des musikalischen Teils der Aufführung beauftragt worden war. Nicht bei der Ouvertüre, so viel Ehre gebührt den Philharmonikern und dem lebhaften Maestro Philippe Jordan selbstverständlich: Solange der Vorhang sich nicht gehoben hatte, klang Mozart detailverliebt, aber mit großem Atem modelliert, beschwingt, aber nicht überhastet, dynamisch differenziert, mit einem Schuss Manierismus auch, wenn die Bläserakkorde hübsch anschwollen und wieder abebbten. Aber alles in allem beherrscht, konzentriert, feinsinnig abgestimmt, der miserablen Akustik im Haus zum Trotz, wie man Mozart in Wien in guten Zeiten gern gehört hat.

Nach ein paar Minuten hob sich allerdings der Vorhang und gab den Blick frei auf - kein Bühnenbild. Was immer sich hier begeben sollte, würde also auf einer Art Probebühne stattfinden, ein paar Sessel, eine Leiter, ein verpacktes Klavier und ein Transparent mit der Aufschrift "Türkei", mehr nicht. Sechs Personen in diesem Ambiente, auf der Suche - nicht, wie's bei Pirandello heißt, nach einem Autor, sondern offenkundig nach einem zusammenhängenden Stück; aber das war erst nach und nach zu erkennen. Zunächst begannen, was bei einer Oper sogar im Burgtheater unvermeidlich ist, fünf der sechs Herrschaften zu singen. Das schmälerte den musikalischen Genuss bald beträchtlich. Der Kettenraucher war Franz Hawlata und tönte, die Partie des Osmin keineswegs in jenen Rhythmen, aber halbwegs in den Tonhöhen exekutierend, die Mozart notiert hat, zum Teil tatsächlich wie ein akustisches Beweismittel für die schädliche Wirkung des Nikotins.

Ein junge Dame mit schlanken Beinen namens Julia Rempe war beauftragt, das güldene Täschchen und lose Reden zu schwingen, wie das dem Vernehmen nach in manchen Abschnitten des Wiener Gürtels gern geschieht. Nebst antitürkischen Invektiven und anderen billigen EU-Kalauern absolvierte sie auch erstaunliche Kunststücke wie jenes, bei dem man sich in luftigen Höhen an einen Haken hängt, um dann kopfüber fallen zu können. Es stimmt aber nicht, dass ihre Stimme nur in diesen, zugegeben ungünstigen Momenten unzureichend klang beim Versuch, Koloraturlinien nachzuvollziehen, die Mozart dem Blondchen zugedacht hat.

Diese musikalische Mangelerscheinung eint die Artistin irgendwie mit dem falschen Tenor - zumindest für Unverdrossene, die das Libretto namens "Die Entführung aus dem Serail" als Grundlage ihrer Untersuchungen nehmen, worum es an diesem Abend eigentlich gehen sollte.

So unzureichend wie das Blondchen tönte an diesem Abend jedenfalls nur noch der Belmonte von Daniel Kirch. Ihm scheint jegliche Geschmeidigkeit und auch die nötige Atemtechnik für eine schwierige Mozart-Partie abzugehen. Ganz zu schweigen von der Mannhaftigkeit, die dazugehörte, wollte man die angekündigte Oper auch glaubwürdig spielen.

Doch davon abgesehen, gehörte die Schöne laut Buch dem Bedienten Pedrillo an, den Cosmin Ifrim wiederum quirlig und so ordentlich bewältigte wie viele Charaktertenor-Vorgänger in dieser Partie; das Ständchen im dritten Akt ausgenommen, denn da begab sich behutsam phrasierter, fein modellierter Schöngesang, der beinah den von Philippe Jordan abgestuften philharmonischen Klängen entsprochen hätte.

Diana Damrau, die in dem seltsamen Spiel mit der Darbietung der drei hochvirtuosen Arien der Konstanze für umjubelte Einlagen ernsthafter Natur sorgte, profitierte mit ihrer technisch sauberen, nach und nach sogar von expressiven Tönen durchzogenen Leistung auch vom deplorablen Umfeld, in das sie da gestellt war: Ein Lichtblick nicht nur dank klanglicher Akkuratesse, sondern auch auf Grund spielerischen Engagements, das in den Dialogen mit Nicholas Ofczarek zuweilen zu großer theatralischer Intensität anschwoll.

Minutenweise, denn Karin Beier, als Regisseuse auf dem Programmzettel genannt, lässt ihre Darsteller agieren, als spielte eine Truppe junger Enthusiasten Theaterspielen. Kleine Szenen. Momentaufnahmen. Im Falle von Ofczarek vor allem jähe Zorneswallungen, ein kleines Repertorium für die spätere Verwendung in etwelchen Stücken; vielleicht sogar in Mozarts "Entführung", falls man sich einmal entschließen sollte, deren Geschichte zusammenhängend zu erzählen. Mit tauglichen Sängern auch. Dann könnte Ofczarek ein Selim Bassa werden, der nicht nur Wutanfälle simuliert, sondern eine faszinierende, weitblickende Herrscherfigur, die auch für glaubwürdige Verwirrung der Herzen sorgt.

Diesmal wirkt das Ganze eher wie die Aufnahmsprüfung einer Kandidatin für die Regieklasse einer Schauspielschule. Ein paar Profis und etliche gutwillige Laien stellen sich in den Dienst der Sache - und mit ein wenig Glück, vielleicht ist ja ein schwacher Jahrgang dran, kommt die Kandidatin mit ihren unverbunden nebeneinander stehenden Scharaden sogar durch. Dann freilich würde es heißen: arbeiten, arbeiten, arbeiten, das Handwerk lernen für den Weg auf dem steinigen Pfad, der in den Beruf und schließlich einmal vielleicht sogar ans Burgtheater führt.

Also, zu Kaiser Josephs Zeiten - auch ein wenig später noch - war das jedenfalls so.