Jubiläum: Lachen über den Holocaust?

Edgar Hilsenrath, ein unerhörter Schriftsteller, wird 80 Jahre alt.

"Ich weiß nicht, was das war. An jenem Abend konnte ich meinen Schwanz nicht beruhigen. Zu Hause nahm ich gleich eine kalte Dusche. Es nützte nichts. Ich dachte an Auschwitz. Umsonst." Edgar Hilsenrath ist unerhört. Der 1926 in Leipzig geborene Schriftsteller kennt keine Tabus. Was nicht heißt, dass er große Freude daran hätte, sie zu brechen. Sie sind ihm einfach nur im Weg, wenn er erzählt, so nah an der Wirklichkeit wie eben möglich: In diesem Fall, im Roman "Bronskys Geständnis", berichtet Hilsenrath von einem jungen Mann, der das Ghetto überlebt hat und sich in den frühen 50er Jahren in New York durchschlägt. Als andere zur Schule gegangen sind, hat er um einen Bissen Brot gekämpft. Während seine Alterskollegen die Uni besuchten, plagte er sich mit der Erkenntnis herum, dass es ein Leben nach dem Ghetto gibt. Bronsky ist 25 - und sieht aus wie 40. Bronsky hat kein Geld für den Bus. Bronsky lebt von Gelegenheitsjobs und schreibt zwischendurch an einem Roman mit dem Titel "Der Wichser". Bei amerikanischen Frauen kann er nicht landen. Prostituierte sind ihm zu teuer.

Warum, verflixt, soll er zur Abkühlung seiner sexuellen Begierde nicht an Auschwitz denken? Dieser Bronsky ist nur unschwer als Alter Ego Hilsenraths zu erkennen: der flüchtete 1938 mit seiner Mutter nach Rumänien, wurde drei Jahre später in ein ukrainisches Ghetto deportiert. 1945 wanderte er nach Palästina aus, 1951 immigrierte er in die USA. Dort schrieb er seinen ersten Roman, dort erschien auch der spätere Bestseller "Der Nazi und der Friseur": ein Schelmenstück über einen NS-Massenmörder. Den deutschen Verlagen war das zunächst zu brisant: Als ob so etwas ginge! Als ob man über den Holocaust lachen dürfte!

Es geht. Weil man eben nicht über den Holocaust lacht. Sondern darüber, wie ein eher harmlos wirkender Kerl zum Massenmörder wird - wie er sich, nachdem diese Karriere zum unrühmlichen Ende kommt, als Jude ausgibt: Nun ist er es, der sich über den Antisemitismus erregt. Das ist so komisch wie realistisch: Hilsenrath entstellt die verrückte Logik derer, die Hitler an die Macht geholfen haben, zur Kenntlichkeit.

In den siebziger Jahren ist Hilsenrath nach Deutschland zurückgekehrt, sein für Herbst angekündigter Roman handelt davon: "Berlin - Endstation". Heimisch geworden ist er dort nicht mehr. Man hat ihn nicht verstanden. Die Ideologie war stärker. Da hilft nur: noch mehr lesen. Hilsenrath.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.