Fussballpoesie: Ball flach halten? Stift ruhig halten!

Keinem gehen Herz und Hirn so über wie den dichtenden Denkern.

Zum Fußball hat jede/r etwas zu sagen, die meisten privat, nur eine Gruppe fühlt sich zu öffentlichen Exegesen berufen, die schreibenden Intellektuellen. Andere Künstler erheben private Vorlieben für diesen Sport nicht zum Sujet - hat je ein Komponist eine "Abseits"-Symphonie zu Papier gebracht oder ein Bildhauer das dritte Wembley-Tor in Marmor gehauen? -, nur die SchreiberInnen überbieten einander an bekennender Liebe und getürmter Reflexion, Fußball in politischer Hinsicht, in tiefenpsychologischer, gattungsgeschichtlicher, Blut, Schweiß & Tränen, vor allem: Intelligenz.

Vor allem die. So exakt möchte man das passende Wort in einen Satz bringen, wie Netzer seine Pässe schlug; so gazellenhaft möchte man sich durch das Getümmel der Phrasen winden wie Pele durch das der Verteidiger; so grob in das Stürmergetänzel hineinfahren möchte man wie Katsche - ja, jeder weiß etwas zum Fußball -, keinen Streit vermeiden, klare Worte. Aber warum wirft sich der Schreib- und Redefuror just auf diese Inkarnation von Kraft, Eleganz und Brutalität? Früher hatte er andere Heroen: Erst kam das Fressen, dann der Liebesakt, drittens das Boxen nicht vergessen! Ja, Brecht, es ging den Poeten nicht immer um Fußball, um zusammenprallende Männerkörper schon, in den 20er-Jahren setzte sich im Sportpalast in die erste Reihe, wer Sensibilität zeigen wollte.

Oben maßen sich Einzelkämpfer, Rebellen, die sich und ihre Sache durchschlugen - Intelligenz wurde auch bei ihnen geschätzt: Muhammed Ali konnte es mit Fußballweltmeisterschaften aufnehmen, aber zu seiner Zeit war er die Ausnahme, der auf sich allein gestellte Held war längst abgelöst vom verschworenen Team, elf Freunde. Oder zwölf - oder ein paar tausend? Irgendwie gehört dazu, wer nur darüber schreibt, gar wer ins Stadion geht. Wozu? Zu denen, die man im Alltag eher selten trifft, zu denen, die auch nie das Buch lesen, das man gerade zum Thema publiziert hat, nicht einmal den Essay, Sozialromantik spielt mit, die Suche nach dem Echten, dem echten Kampf, der echten Solidarität.

Hinterher trennen sich die Wege, der gewöhnliche Fan geht ins Wirtshaus, der berufene hat dafür keine Zeit, es warten Feder oder Laptop, und die Leser warten! Oder wenigstens die Interviewer!

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