ORF: "Szenen, die Blutdruck steigern können"

Robert Wiesner lädt wieder zu seiner sommerlichen Fragestunde - aktive Bundespolitiker bleiben vor der Wahl ausgespart.

Robert Wiesner hat vor drei Jahren begonnen, jenen Schatz zu heben, der im ORF-Archiv schlummert. Auf jeden Gast von "Wiesner fragt" bereitet er sich mit drei Redakteuren intensiv vor. "Wir entwickeln dabei so etwas wie die Lust der Goldsucher." Vor allem in dem Teil des Archiv-Materials, das nie auf Sendung ging, werden die vier fündig. Etwa, als es darum ging, sich auf Madeleine Petrovic vorzubereiten: "Die war einmal bei einem Protest von Tierschützern bei Bundespräsident Heinz Fischer dabei, samt Nutrias in einem Käfig. Die haben aus Angst auf den Teppich gepinkelt und Fischer war sauer", erzählt Wiesner der "Presse". Klar, dass er es sich nicht entgehen ließ, Petrovic bei der Aufzeichnung der Sendung vergangene Woche mit dieser Aktion zu konfrontieren. "Das war ihr damals peinlich. Heute, sagt sie, ist die Sache ausgeräumt."

Längst vergessene Sager, politische Manifestationen oder einfach dumm gelaufene Situationen sorgen beim Zuschauer für eine Mischung aus Information, Unterhaltung und Schadenfreude - den Mitarbeitern der Politiker treiben sie nicht selten den Angstschweiß auf die Stirn. "Jörg Haider hat mir einmal auf einer Veranstaltung spontan zugesagt, in die Sendung zu kommen. Am nächsten Tag habe ich dann von seinem Pressesprecher ein E-Mail mit der Absage erhalten", erzählt Wiesner.

Bewusst hat er bei seiner Einladungsliste auf aktive Bundespolitiker verzichtet. Die Nationalratswahl würde Ausgewogenheit erfordern. Aber: "Die klassische Vorwahl-Radel-Logik würde bei dem Format nicht funktionieren. Man kann die Leute nicht gleich befragen. Deshalb bin ich froh, dass ich nicht alle Klubobleute drannehmen muss." Von Franz Vranitzky oder Erhard Busek erwartet er - gerade weil sie nicht mehr aktiv sind - interessante Antworten: "Die können aus der Distanz heraus beschreiben, wie man sich fühlt, wenn man so allein in einem Fernsehstudio sitzt und weiß, dass von der eigenen Performance der Wahlsieg abhängt." Auch die Bevorzugung einer Partei fände Wiesner "fad". Er trifft seine Entscheidungen, wen er einlädt und wen nicht, lieber nach der Ausbeute im Archiv. "Ich vermeide es, Situationen zu zeigen, wo man jemanden alkoholisiert oder in privaten Problemen sieht. Aber politisch suche ich schon Szenen aus, die den Blutdruck steigern können." Wiesner legt pro Sendung gut 30 Video-Clips in die Warteschleife - je nachdem, wie das Gespräch verläuft, werden die Einblendungen gestartet. "Nur etwa die Hälfte der Videos kommt zum Einsatz."

Auch einen Auftritt mit Monika Lindner könnte er sich vorstellen. Deren legendären Mehrfachvorgänger Gerd Bacher hatte er schon im Interview - bei einem am Laptop improvisierten "Wiesner fragt" anlässlich Bachers 80. Geburtstag. "Bei ihm war es sehr schwer, passendes Archivmaterial zu finden." Bacher sei wohl viel zu diszipliniert, als dass er je vor laufender Kamera etwas gesagt hätte, womit er nicht hätte konfrontiert werden wollen. Doch auch der Tiger hat den einen oder anderen kleinen Fehler begangen. Und so wurde eben nachträglich ein wenig über die weißen Socken zum schwarzen Anzug gewitzelt, mit denen sich Bacher unvorsichtigerweise einmal zu einer Preisverleihung begeben hatte. i. w.

"Wiesner fragt" mit: Hans Peter Haselsteiner (11. 7., 22.30 Uhr, ORF2), Madeleine Petrovic (18. 7.), Ursula Stenzel (25. 7.), Franz Vranitzky (1. 8.), Erhard Busek (8. 8.).

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