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Die Neue Freie Presse

Vom Weltblatt der Donaumonarchie bis zum Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich.

Durch das Schicksalsjahr 1848 war eine Lawine ins Rollen gebracht worden, die trotz vieler Rückschläge auf Dauer nicht mehr aufzuhalten war. Das Interesse der geistig regen und wirtschaftlich potenten Bevölkerungsschichten an der res publica war erwacht, das Sprachrohr der politischen Mobilisierung wurde eine immer selbst- und machtbewußtere bürgerlich-liberale Presse. Und hier war es vor allem die 1864 aus der „Presse“ hervorgegangene „Neue Freie Presse“, die zum Fahnenträger der neuen antifeudalen, bürgerlich-kapitalistischen Eliten wurde, die mit dem Februarpatent 1861 ihren ersten Erfolg und mit der Dezemberverfassung von 1867 ihren Sieg errangen.

Doch die Zeitspanne der liberalen Herrschaft in Österreich war denkbar kurz: Die allgemeine Beteiligung an Geldgeschäften und Spekulationen mit Börsenpapieren, schrankenlose Konkurrenz und ein durch die Weltausstellungseuphorie von 1873 noch zusätzlich überhitztes Gründungsfieber, begleitet von Bestechungs- und Korruptionsaffären, eskalierten in der großen Krise von 1873, dem „Schwarzen Freitag“, an dem die Börse krachte. Die jahrelange Depression führte in der Folge zur völligen Abwendung von den politischen und wirtschaftlichen Ideen des Liberalismus.

Die liberale Presse hat im Rückblick einen erheblichen Anteil an Schuld am Börsenkrach von 1873 mitzutragen: Die Finanzmagnaten hatten sich massiv in die Tageszeitungen eingekauft, die dubiosen Wechselbeziehungen zwischen Politik, Börse, Wirtschaft und Presse erwiesen sich als verhängnisvoll: Als der Zusammenbruch sich schon abzeichnete, hielten die Zeitungen im Interesse der Spekulanten die Euphorie wach.

Die NFP konnte weder durch den frühen Tod ihrer beiden Herausgeber Max Friedländer (1872) und Michael Etienne (1879) noch durch den Börsenkrach und den rapiden Niedergang des politischen Liberalismus ernsthaft erschüttert werden. Am 1. September 1869 waren Redaktion, Administration und Druckerei in eines der neuen Ringstraßengebäude übersiedelt: Die „Fichtegasse“ (Nummer 11) wurde in der österreichischen Innenpolitik und im europäischen Zeitungswesen bald ein fester Begriff. Die „österreichische Times“ beschäftigte damals ständig 500 bis 600 Mitarbeiter, darunter 80 bis 100 Korrespondenten im Ausland.

Nach Etiennes Tod 1879 wurde der erst 33jährige Parlamentsberichterstatter Eduard Bacher Chefredakteur und kurz darauf auch Herausgeber. Drei Jahrzehnte lang stand er zumindest nominell an der Spitze der Zeitung, er wurde aber bald von der brillanteren und dynamischeren Persönlichkeit des Vollblutjournalisten Moriz Benedikt überstrahlt, der 1872 als 23jähriger zur Zeitung kam.

Bacher wie Benedikt stammten aus dem deutschliberalen Judentum der böhmisch-mährischen Kronländer, sie bildeten zusammen mit dem noch aus der Gründerzeit stammenden Verwaltungsleiter Adolf Werthner das neue Triumvirat an der Spitze des Blattes, das zum im In- und Ausland anerkannten Weltblatt der Donaumonarchie aufstieg. Die finanzielle Basis war 1871/72 durch Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft unter Beteiligung führender österreichischer Banken erweitert worden, nun erwarben Bacher und Benedikt diese Anteile.

Unter Benedikt wurde der Leitartikel, wesentlicher Bestandteil des politischen Teils der Zeitung, auch auf wirtschaftliche und kulturelle Themen ausgeweitet. Lokalteil, Gerichtssaal und Sport erhielten vergleichsweise wenig Raum, vielmehr machten die wissenschaftlich fundierten Wirtschaftsanalysen aus der Feder führender Nationalökonomen und die sorgfältige Ausgestaltung des Feuilletons den Ruhm der Zeitung aus.

Was die „Neue Freie Presse“ neben der internationalen Verbreitung zum „Weltblatt“ machte, war nicht die Auflage, die auch in der Blütezeit kaum über 50.000 anstieg, sondern ihre journalistische und technische Perfektion, war das Bestreben, auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet Spitzenleistungen des Journalismus in Form und Gehalt zu bieten.

Im Inland galt es zum guten Ton, die Zeitung abonniert zu haben, -„Abonnent der Neuen Freien Presse“ auf der Visitenkarte stehen zu haben, ersetzte manchem den Adelstitel -, im Ausland sah man sie als Repräsentanten der öffentlichen Meinung der Habsburgerländer, was so nicht ganz stimmte, liebten es die Journalisten der „Neuen Freien Presse“ doch, ihre Meinungen ex cathedra zu dekretieren.

Als Repräsentant des vornehmen, großbürgerlichen Liberalismus knüpfte die „Neue Freie Presse“ an die „Presse“ an, machte aber im Unterschied zu ihr nie ein Hehl aus ihrer Deutschfreundlichkeit. Skeptisch gegenüber dem ungarischen Ausgleich hielt sie am Zentralismus fest, unterstützte die liberale Verfassungspartei und argumentierte vehement gegen das Konkordat. Für die Anliegen der neuen sozialen Bewegungen hatte sie anfangs wenig, später mehr Verständnis (1897 gab sie sogar eine Wahlempfehlung für die Sozialdemokraten ab).

Durch das Aufkommen der neuen Massenparteien christlich-sozialer, sozialdemokratischer und deutschnationaler Provenienz, die sich die „Neue Freie Presse“ als Organ des Großbürgertums und des „jüdischen Bank- und Finanzkapitals“ zum Ziel ihrer Angriffe nahmen, verlor die Zeitung an politischem Einfluß im Innern. Es hieß zwar noch immer, daß man in Österreich nicht gegen die „Neue Freie Presse“ regieren könne, auch die Leserzahl stieg ständig, und journalistische Meisterleistungen wie das berühmte Interview Benedikts mit Fürst Bismarck von 1892 machten Furore. Doch die Fünfzigjahrfeier am 1. September 1914, zu der sich alle führenden Persönlichkeiten der Donaumonarchie als Gratulanten drängten, war bereits überschattet durch die Kriegsgeschehnisse.

Moriz Benedikt erlebte noch die Genugtuung, als erster und einziger Journalist vom Kaiser ins Herrenhaus berufen zu werden.

Durch die Zerstückelung der Donaumonarchie verlor das Blatt viel von seiner politischen und wirtschaftlichen Basis. Ernst Benedikt, der nach dem Tod seines Vaters im Februar 1920 Eigentümer und Herausgeber wurde, übernahm ein schweres Erbe. Der Rückgang der Auflage und die wirtschaftliche Not der Dreißigerjahre zwangen ihn 1934, seine Anteile an die österreichische Regierung zu verkaufen. Für die nun zum Regierungsblatt gewordene „Neue Freie Presse“ gab es nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich 1938 kein Weiterleben mehr: Hitler hatte sich seit seiner Wiener Zeit eine unversöhnlich-feindselige Haltung gegen das „Judenblatt“ bewahrt und die Einstellung verlangt. Nun war es soweit.

Teil 3: Die Neugründung »