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it Militärgerät und den Deals rund herum haben österreichische Parla mentarier bereits ihre Erfahrung, der Grüne Peter Pilz im Besonderen. Denn er saß schon im berühmten Untersuchungsausschuss "Noricum", der vom November 1989 bis April 1990 tagte. Ein Spektakel der Sonderklasse. Aber alle Weiterungen des Skandals - bedingte Haftstrafen für 14 Voest-Manager, Anklage des Ex-Bundeskanzlers Fred Sinowatz und der ehemaligen Minister Karl Blecha und Leopold Gratz - waren Sache der Justiz. Die drei Politiker wurden übrigens freigesprochen.

Eine verwirrende Causa, die aber rasch nacherzählt ist. Sie offenbart das ganze Dilemma der verstaatlichten Industrie in den Achtzigern, in der goldenen "Kreisky-Ära".

Das Voest-Werk im steirischen Liezen hatte in den siebziger Jahren immer höhere Verluste geschrieben, 1976 waren es schon 160 Millionen Schilling. Fieberhaft suchten Manager und Politiker nach Aufträgen. So verfiel man auf die Idee, dem kanadischen Kanonenproduzenten Gerald Bull eine Lizenz abzukaufen. Bull hatte ein Faible für die kleinen Österreicher: Sein Sohn Philippe studierte in Wien Medizin.

Eingefädelt hatte das Geschäft - neben anderen Akteuren - der schillernde Wiener Paradiesvogel Udo Proksch, alias Serge Kirchhofer, der im "Lucona"-Skandal zu zweifelhafter Ehre gelangte. Und so produzierte das Liezener Voest-Werk eine weittragende Super-Kanone mit dem Namen GHN-45 (Gun Howitzer Noricum), weil sie 45 Kilometer weit schießen konnte.

Zwei Hindernisse gab's dabei: Erstens: Österreich durfte laut Staatsvertrag solche Waffen gar nicht besitzen. Aber da fand man ein Schlupfloch: Man wolle die Super-Kanone sowieso nicht besitzen - sondern nur exportieren. Aber wohin? Österreichs "Kriegsmaterialgesetz" verbot jeglichen Export an ein Krieg führendes Land. Aber nur solche Staaten brauchten die österreichische Superkanone. Das Bundesheer winkte vorsorglich gleich ab: "Kein Bedarf . . ."

"Zum Glück" führten gerade der Irak und Iran einen mörderischen Krieg gegeneinander, der in Summe 800.000 Tote forderte. Beide waren höchst interessiert an der tödlichen Waffe made in Austria. Also gingen zunächst 100 Stück an den Irak des Saddam Hussein, natürlich auf Umwegen: Geliefert wurde offiziell ans Königreich Jordanien, von dort ging's ab an den Kriegsschauplatz.

Anfang 1983 protestierten iranische Unterhändler erstmals in Wien energisch gegen diese Einseitigkeit und forderten ihrerseits ebenfalls Kanonen. Neutral, wie die Österreich nun einmal sind, flogen 1985 drei Top-Manager der Voest nach Teheran, um einen Geheimvertrag perfekt zu machen: 200 GHN-45 im Wert von 16 Milliarden Schilling; erhoffter Profit: sechs Milliarden. Die regierenden persischen Mullahs waren einverstanden, dass Libyen als Scheinadressat angegeben wurde.

1600 Arbeiter fanden in Liezen Arbeit und Brot, die Hirtenberger Munitionsfabrik freute sich ebenfalls über dicke Auftragsbücher: Munition für die GHN-45, Treibladungen, Zünder. . .

Bis 1986 wurde produziert und geliefert, zuletzt an die Scheinadresse Brasilien. Während des Deals gab es allerdings merkwürdige Todesfälle. Zunächst starb ein österreichischer Botschafter auf mysteriöse Weise, der Wind von dem Schwindel bekam und das Außenamt in Wien verständigt hatte: Herbert Amry, vormals Kreiskys Kabinettschef, jetzt Missionschef in Athen. "Ferry, pass auf, sie wollen uns beide umbringen": So Amry zu seinem Freund, Presseattaché Ferdinand Hennerbichler. "Schau in den nächsten Tagen unter dein Auto, bevor du einsteigst", riet der Diplomat seinem Mitarbeiter. Die beiden hatten bei einer internationalen Waffenmesse in Griechenland Noricum-Manager bei Verhandlungen mit wichtigen Kunden beobachtet.

Offizielle Todesursache in der Causa Amry: Herzversagen. Rasch wurde die Leiche eingeäschert, bis heute ist der wahre Hergang nicht aufgeklärt. Amry hatte mehrmals das Außenamt in Wien über seinen Verdacht informiert, aber bis heute ist ungeklärt, ob die Fernschreiben überhaupt je bis zum damaligen Außenminister Leopold Gratz gelangt waren. Das vierte - und entscheidende - Amry-Telegramm verschwand irgendwo im Innenministerium. Die Buchautoren Kurt Tozzer und Günther Kallinger fanden erst 1999 im Zuge von Recherchen für ihr Buch "Todesfalle Politik" einen Amry-Verschlussakt im Außenamt.

Es war die Zeitschrift "Basta" der Brüder Fellner, die 1985 dem Skandal mit den falschen Frachtpapieren nachging. Bruno Kreisky, seit zwei Jahren in Pension, hatte immer wieder mit seinem früheren Mitarbeiter in Athen telefoniert und ahnte, dass ihn die Voest-Leute ständig hintergangen hatten. Er mobilisierte Wolfgang Fellner: "Kümmern Sie sich doch einmal darum, was da vom Gratz unter den Teppich gekehrt wird!" Am 30. August 1985 glückte den "Basta"-Reportern Burkhart List und Otto Grüner der Glückstreffer: Sie fotografierten im jugoslawischen Adriahafen Kardeljevo-Ploce Stahlcontainer mit 20 Super-Haubitzen aus Liezen. Alle versehen mit "Beipackzetteln" und "Gebrauchsanweisungen" in persischer Sprache. Daraus entwickelte sich einer der größten politischen Skandale der Zweiten Republik.

Empört meldete sich die Voest-Chef-Etage zu Wort: Alle Exporte seien korrekt. Ausländische Geheimdienste wollten Noricum "aus dem größten Waffengeschäft der letzten Jahre ausbooten." Jetzt seien geplante Lieferungen nach Indien in Gefahr, tönte es aus Linz. Dabei hatten die Inder längst mit Schweden einen Deal ausgehandelt.

Jetzt wurde es also um die Voest und ihr Liezener Werk eng. Bemerkenswert daher der weitere Verlauf dieses Polit-Krimis.

Der nächste Herztod ereilte im August 1987 den bereits zurückgetretenen Voest-Chef Heribert Apfalter. Bei Holzarbeiten in seinem Zweithaus bei Seitenstetten erlitt er einen dritten Herzinfarkt. Spekulationen waren Tür und Tor geöffnet. Von einer Überdosis des Herz-Medikaments war die Rede, das sich im Körper rasch abbaut und nicht mehr nachgewiesen werden kann. Dem Voest-Generaldirektor wurde zugetraut, er könnte bei allfälligen Gerichtsverfahren über alle Kontakte zur Bundesregierung auspacken. Und das, obwohl Apfalter "bekennender" Sozialist war.

Kein Zweifel: Apfalter fühlte sich durch hartnäckige Recherchen mehrerer Journalisten unwohl. Er habe anonyme Anrufe bekommen, erzählte er, dass er ins Ausland verschwinden möge. Es blieb bei der offiziellen Todesursache: Herzinfarkt. Spätere Bemühungen des Grün-Abgeordneten Herbert Fux, eine Exhumierung der Apfalter-Leiche zu erzwingen, blieben erfolglos.

Und dann der dritte Todesfall. Gerald Bull (62), der kanadische Konstrukteur, wurde vor der Tür seiner Brüsseler Wohnung von einem Profi-Killer "hingerichtet" - zwei Wochen vor Prozessbeginn in Linz. Bull hatte Iraks Diktator Saddam Hussein vorgegaukelt, er könnte ihm eine Kanone bauen, die ein Kaliber von einem Meter und eine Rohrlänge von 100 Metern hätte. Verwendbar für chemische und nukleare Waffen. Damit könnten sogar Satelliten ins All geschossen werden. Eine beunruhigende Vorstellung für die Israelis und den Geheimdienst Mossad, der offenbar prompt handelte.

Für den Direktor des Lienzer Noricum-Werks, Peter Unterweger, war die "Hinrichtung" Bulls ein mehr als deutlicher Wink: Im Noricum-Prozess, der wenige Wochen später in Linz begann, erinnerte er sich leider an keinen einzigen Namen seiner iranischen Verhandlungspartner mehr. Unterweger kam mit bedingter Haftstrafe davon. Fortsetzung nächsten Freitag: Der Tod von Alois Weichselbaumer und Robert Danzinger.