Das lange Leiden eines Kindes: "Sprich mich mit Gebieter an!"

Natascha Kampuschs Martyrium in einem Stein-Verlies.

WIEN. Eine steinerne, unterirdische Zelle, um die acht Quadratmeter groß, 1,60 cm hoch, erreichbar nur durch einen 50 mal 50 Zentimeter kleinen Durchschlupf. So sah das in einer Kfz-Montage-Grube eingebaute Verlies von Natascha Kampusch aus. Ging ihr Entführer Wolfgang Priklopil außer Haus, prüfte er, ob der Durchschlupf gut gesichert war. Er schob stets einen schweren Tresor vor die Öffnung. So wäre es auch nicht aufgefallen, hätte das in der Garage gefangene Mädchen zu schreien begonnen.

Dies dürfte aber nur selten vorgekommen sein: Natascha Kampusch musste ihren Entführer mit "Gebieter" ansprechen. Dies deutet auf eine in sadistischer Weise ausgeübte Herrschaft hin und erhärtet den Verdacht, dass das Opfer sexuellen Übergriffen ausgesetzt war. Trifft die Befürchtung zu, dass der Peiniger in Natascha auch eine Sex-Sklavin sah? Dies lässt sich noch nicht beantworten, da die Frau derzeit schonend, ohne Zeitdruck, einvernommen wird.

Auch wenn es zynisch anmutet, so war das Verlies doch mit den für das tägliche Leben notwendigen Einrichtungen ausgestattet: WC, Waschgelegenheit, ein aufklappbares Hochbett, Kasten, Bücherregal. Auch Lesestoff war vorhanden.

Man geht davon aus, dass Natascha Kampusch erst in diesem Frühjahr hin und wieder außer Haus durfte. Sie kam bestenfalls für kurze Zeit in den - gepflegten - Garten des in Strasshof (Bezirk Gänserndorf/NÖ), 25 Kilometer nordwestlich von Wien, gelegenen Einfamilienhauses. Möglicherweise durfte sie zuletzt auch das eine oder andere Mal zum Einkaufen mitgehen. Sie wagte es aber nicht, in Gegenwart des Entführers einen Fluchtversuch zu unternehmen - bis zu ihrer Rettung, als es der Frau am Mittwoch gelang, das Grundstück zu verlassen. Sie schaffte es, einen der Nachbargärten der abgelegenen Siedlung zu betreten.

Was wäre gewesen, wenn Natascha in all den Jahren krank geworden wäre? Wäre sie von Priklopil zum Arzt gebracht worden? Hätte er sie sterben lassen? Was wäre gewesen, wenn ihrem Peiniger etwas zugestoßen wäre? Wäre das Mädchen dann hilflos in seinem Verlies verhungert? Soviel steht fest: Verwahrlost ist die junge Frau nicht. Polizisten berichten, dass sie sich auch verhältnismäßig gut artikulieren könne. Der Täter muss seiner Gefangenen offenbar ein gewisses Wissen vermittelt haben. Auch Videos sollen der Frau gezeigt worden sein.

Dominierend war zweifellos ein Gefühl der Ohnmacht. Offenbar redete ihr der Täter ein, die Wohnung sei durch Sprengfallen gesichert. Und er schlafe auf Handgranaten. Dass der gebürtige Wiener Priklopil auch selber den Tod suchen würde, scheint Natascha Kampusch gewusst zu haben. Sie reagierte gefasst auf die Nachricht vom Selbstmord jenes Mannes, der sie acht Jahre lang - in ihrer Entwicklung vom Kind zur Frau - gefangen hielt. Er habe ihr nämlich gesagt: "Lebend erwischen die mich nie."

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.