Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Waltraud Häupl hat, angetrieben von der Gewissheit, dass ihre Schwester Annemarie während des Nationalsozialismus in der Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" ermordet wurde, eine umfassende Opferdokumentation zusammengestellt. Sie breitet auf hunderten Seiten hunderte Kinder-Krankengeschichten vor uns aus, die alle nicht mit der Entlassung, sondern dem sicheren Tod endeten. Ein Kindertotenbuch.

Friedrich Zawrel, Jahrgang 1929, war zwischen 1941 und 1944 in den Fängen des Heinrich Gross "Am Spiegelgrund". Er konnte, durch die Gunst einer Schwester, fliehen. Er, der zweimal die repressive Psychiatrie überlebte, das zweite Mal in der Nachkriegszeit, schrieb den Epilog.

"Und sie kamen jeden Tag. Einmal früher, einmal später. Aber, sie kamen immer, die schwarzen Vögel mit den grauen Schnäbeln. Sie kamen mit lautem Geschrei, und sie verdunkelten den Himmel über dem Spiegelgrund, als wollten sie ihn zwingen, Trauer zu tragen wegen des Unrechts, das die ,Krone der Schöpfung' den hilflosen Kindern antat. Und sie schienen anzuklagen, bevor sie zur Nachtruhe einflogen in die mächtigen Kronen der Bäume: ,Sie quälen anstatt zu helfen, sie missbrauchen die jungen Menschen für qualvolle medizinische Versuche. Sie mischen Gift in ihr Essen. Sie lassen die Kinder verhungern, verdursten und erfrieren. Und oft auch beendet die Giftspritze deren geschändetes Leben. Nach getaner Arbeit spielen diese Mörderhände Klavier und mit der Geige Beethoven und Bach. Mit ihren Augen, die so eiskalt und unbarmherzig dem qualvollen Sterben der gemarterten Kinder zusahen, lesen sie ihren eigenen Kindern Märchen vor.

Wer bist du, Mensch???'"

Friedrich Zawrel, das Opfer, darf, spät aber doch, leben. Er zieht durch die Schulen und erzählt den Kindern sein erstes, sein schreckliches Leben "Am Spiegelgrund". Er klärt auf, beeindruckt nicht nur die Schüler, sondern auch deren Lehrer. Er hat auch die Lehrerin Waltraud Häupl geprägt.

Landesweit wurden die Kinder eingesammelt, damals, eingesammelt und in den Steinhof angeliefert. Im Pavillon 15 ging es gnadenlos ans Quälen, Ermorden der kaum, nicht oder schwer behinderten Kinder. Im Pavillon 17 wurde, qualvoll, vorsortiert. War man arbeitsverwendungsfähig, hatte man Überlebenschancen. War man, nach dem fahrlässigen Urteil von Nationalsozialisten, die sich als Ärzte aufspielten, minder begabt für Fronarbeit, war man erbbiologisch verseucht, im Rausch gezeugt worden, aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend, war man nicht ausreichend entwicklungsfähig für den Nationalsozialismus, dauernd pflege- und anstaltsbedürftig, wurde nach Berlin gemeldet. Meldeformular B 141.

Die Antwort folgte stets prompt, es war der Auftrag zur "Behandlung", so das Tarnwort für den Kindermord. Eingesetzt wurde meist Luminal, man erzwang aber auch das Verhungern und Erfrieren. Erzeugt wurden meist Lungenentzündungen. Das Mordpersonal versandte bei Beginn ihrer Tätigkeit eine "Schlechtmeldung" an die Eltern. Kurz darauf ein letzter Brief der Anstaltsärztin: "Für das unheilbar kranke Kind konnte der Tod nur eine Erlösung bedeuten und es ist sanft und ruhig eingeschlafen."

Dass die ermordeten Kinder nicht friedlich bestattet, sondern obduzierend ausgeweidet, sogar geköpft und in Gläsern in den Anstaltsregalen verwahrt wurden, um später, in Friedenszeiten, von den zu miesen Forschern mutierenden Ärzten ein letztes Mal missbraucht zu werden, darüber herrschte bis 1979 eine wohlkonstruierte Ahnungslosigkeit, auch wenn es tausende Mitwisser gab. Die Tötung der Kinder erfolgte nach medizinischer oder sozialer Vorverurteilung. Es reichte eine chronische Mittelohrentzündung oder hemmungsloses Weinen aus Sehnsucht nach der Mutter. Auch wurden ohne jede Diagnose Kinder so weit zur Verschlechterung gebracht, bis sie starben.

Dr. Heinrich Gross, Aufnahmeuntersuchung 21. 10. 1941 am Kind Grolig Franz: "Ein für sein Alter körperlich sehr gut entwi-

Waltraud Häupl
Die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund

Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Kindereuthanasie in Wien. 663 S., geb., € 39 (Böhlau Verlag, Wien)

ckelter Bub in gutem Ernährungszustand. Franz ist während der Untersuchung sehr freundlich. Er gibt auf Befragen bereitwillig Antwort. Wiederholt fragt er spontan, wann sein Vater kommt. Er möchte sehr gerne nach Hause."

Aus dem Schwesternbericht, eingetragen am 7. 7. 1942: "Seine Sprache ist gut verständlich, er kann sich gut ausdrücken. Er ist sehr anhänglich an seine Angehörigen und weint immer, wenn sie fort sind. Auf der Abteilung kann er für einfache Arbeit verwendet werden, zum Beispiel bei der Ausspeisung der Kleinen, die er auch fürsorglich betreut. Die Arbeiten, die ihm angeschafft werden, begreift er ziemlich schnell." Grolig Franz war also arbeitsfähig, entwicklungsfähig. Viele waren das nicht. Umgebracht wurden die einen, die anderen. Es herrschte Tötungshoheit. Nach drei Jahren Kinderkerker verfällt er in Trauer. Am 16. 5. 1944 schreibt die Schwester: "Als Franz auf die Abteilung kam, hat er sehr geweint, konnte sich stundenlang nicht beruhigen. Er hat sich unauffällig in das Gruppenleben eingelebt. Franz ist ein sehr gutmütiger stiller Junge, tut keinem Kind etwas zu Leide. Nimmt sich der kleinen Kinder an."

Dennoch sieht Dr. Jekelius eine "aussichtslose Arbeitseinsatzfähigkeit", meldet das nach Berlin. Am 6. 1. 1945 ergeht die Schlechtmeldung an die Eltern. Am 12. 1. 1945 kommt es zur plötzlichen Verschlechterung, der Puls ist kaum tastbar. Um 16.45 Uhr stirbt Franz an Lungenentzündung.
Arnold Martha wird 1944 aufgenommen. Sie ist "geistig durchschnittlich begabt. Fasst gut auf. Führt Aufträge gut durch. Gute Merkfähigkeit. Das Mädchen ist bescheiden und zurückhaltend, jedoch selbstsicher und in allem selbstständig. Gute Einfälle, aus ganz wenig und schlechtem Material bringt sie appetitlich gute Speisen zusammen, stellt ihre Person aber immer in den Hintergrund, wenn Lob folgt. Hat noch nie genascht, auch den Kindern nie Esswaren oder andere Gegenstände weggenommen."

Am 28. 9. 1944 sind die Schwestern sehr zufrieden mit dem Kind. Am 30. 9. 1944 wird sie als nett, höflich beschrieben. Sie beschäftigt sich unermüdlich den ganzen Tag. Sie ist ernst. Sie ist sehr verwendbar. Am 17. 10. 1944 stirbt Arnold Martha durch Selbstmord. "Selbstmord durch Schlafmittelvergiftung bei Psychopathie. Die Kriminalpolizei wurde verständigt und ordnete eine sanitätsärztliche Sektion an."

Die Untersuchung am gerichtsmedizinischen Institut wurde von Dr. Breitenecker durchgeführt. Er war später, in den Sechzigerjahren, Ordinarius der Gerichtsmedizin in Wien, er unterrichtete uns Medizinstudenten. Seine Spezialität: Selbstmordarten.

Das Kindertotenbuch der Waltraud Häupl verbreitet auf jeder Seite, mit jeder Krankengeschichte Angst und Schrecken. Unter den einweisenden Ärzten, Behandlern und Vertuschern immer wieder die Namen von bekannten Professoren der Nachkriegszeit. Kinderkliniken, Kinderärzte, Heilanstalten, alle deportierten zur Tötung Kinder nach Wien. Gugging in Niederösterreich war besonders fleißig. Schon damals eine Elite an Folgsamkeit. Der Führer wollte das "Unbrauchbare" töten. Man war zur Stelle.

Ein in Gugging wirkender Dr. Gelny hat vom 10. bis 25. April 1945 mittels umgebautem Elektroschockapparat, also mit eigener Erfindung, 147 Patienten getötet. Der Pfarrer von Kierling, zuständig für Gugging, notierte 1943: "Großes Sterben in der Landesanstalt. Dr. Gelny findet im Pflegepersonal, das unter seinem Druck steht, seine Mithelfer. In der hiesigen Pfarrkirche fanden heuer 423 Begräbnisse statt." 1944 notiert Hochwürden: "Die Zahl der Geisteskranken ist von 1300 auf etwa 200 gesunken."

Im Nationalsozialismus wurde kaum verdeckt über die hohen Kosten bei der Erhaltung von Unbrauchbaren argumentiert. Heute wird ganz offen über die Verteilung von Gesundheits- oder Überlebensressourcen an Arme oder unproduktive Alte geschrieben. Das Diktat der Ökonomie ist auch nach dem Nationalsozialismus nicht ausgestorben. Es verblieb wie eine gefährliche Drohung gegen alle Schwachen.

Waltraud Häupl schreibt tief erregt gegen das große Vergessen in Wien an. Sie war auch maßgeblich an der Durchführung und Gestaltung der Beisetzung von "600 Urnen und der sterblichen Überreste in einem Ehrengrab der Stadt Wien" 2002 beteiligt. Es war das größte Kinderbegräbnis der Republik. Gefordert erstmals 1979, zwei Jahrzehnte verweigert, dann, endlich, von Stadträtin Elisabeth Pittermann durchgesetzt.

Dr. Heinrich Gross wurde 1948 gefasst und 1950 wegen Beihilfe zum Totschlag an Kindern zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt. Warum Totschlag und nicht Mord? Die Verabreichung von Gift an Kindern konnte nicht "heimtückisch" erfolgen, da den Kindern die Einsicht in ein solches Geschehen fehlte, so der Volksgerichtshof. Daher "nur" Totschlag. Heimtücke setzt volle geistige Rüstigkeit beim Opfer voraus. Das war die herrschende Rechtsnorm. Ein Urteil gegen Gross, freilich ein Urteil ohne Strafe, erging im Prozess 1981. Die Richter wiesen dem Psychiater nach, dass er durch all seine Jahre
"Am Spiegelgrund" in 16 Punkten wahrheitswidrige Schutzbehauptungen aufgestellt hatte. Das Oberlandesgericht wies weiters nach, dass Dr. Gross genau wusste, was "Am Spiegelgrund" geschah, und für die Euthanasie UK (unabkömmlich) von der Reichskanzlei gestellt worden war. Er hat in hunderten Fällen die Totenbeschau durchgeführt, vorher die Meldung nach Berlin abgeschickt und unterschrieben, danach wahrheitswidrige Todesursachen verzeichnet und an die Eltern weitergemeldet. Zuerst wurde gelogen, später geleugnet.

"Schließlich darf auch nicht übersehen werden, dass Dr. Heinrich Gross überzeugter Nationalsozialist war und diese ideologische Richtung und das Leben erb- und anlagebedingter schwerkranker Kinder als ,unwert' ansah, sodass seine Mitwirkung am Euthanasieprogramm durchaus im Einklang mit seiner damaligen politischen und weltanschaulichen Einstellung stand." (Urteil des Oberlandesgerichtes 1981, Seite 37.)

Mit Heinrich Gross waren hunderte stille Mitarbeiter durch mehr als fünf Jahrzehnte andauernd auf der Flucht vor der Wahrheit, verbunden mit tausenden Ängsten, was zu einer für viele leicht handhabbaren Unterwürfigkeit und Gefügigkeit führte, eine beliebte Eigenschaft in der Nachkriegsjustiz.

Das Kindertotenbuch der Waltraud Häupl bietet zu diesem Verhalten ein massives Gegengewicht.

Werner Vogt:
1938 in Landeck, Tirol, geboren. War Facharzt für Unfallchirurgie. Begründer der Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin. Wiener Pflege-Ombudsmann. Zuletzt erschien in der Edition Steinbauer: "Reise in die Welt der Altenpflege - Ein kritisches Tagebuch".