Mai 1994: Senna, Ratzenberger und die himmlische Herrlichkeit

Ein Sportler, dessen letzte Ehre es war, einem anderen die Ehre zu geben. Wem möchte ich die Ehre geben?

Als Ayrton Senna am 1. Mai 1994 in Imola in den Tod gerast war, hatte die Welt den Österreicher Roland Ratzenberger, der am Vortag beim Qualifikationsdurchgang auf demselben Ring verunglückt war, bereits weitgehend vergessen. Nicht vergessen hatte ihn jedoch Ayrton Senna. Als Experten das Wrack seines Rennwagens analysierten, fanden sie die Reste einer österreichischen Flagge, die sich Senna für die Zieleinfahrt bereitgelegt hatte.

Senna hätte die Ehre des möglichen Sieges seinem verunglückten Kollegen gewidmet. Geschätzte drei Millionen Menschen gaben Senna dann die letzte Ehre in São Paulo. Für Brasilien war er nicht nur ein Star des Sports geworden, sondern auch ein Vorbild durch sein großzügiges soziales Engagement. Sennas Grabinschrift bringt seine Überzeugung zum Ausdruck: „Nada pode me separar do amor de Deus“ (Nichts kann mich von der Liebe Gottes trennen).

Im britischen Dokumentarfilm „Senna“ bezeugt Ayrtons Schwester, Viviane, er habe am Morgen des 1. Mai nach einer unruhigen Nacht die Bibel aufgeschlagen und daraus die Gewissheit erhalten, er werde die größte aller Gaben erhalten: Gott selbst.

Sennas Leben spiegelt eine biblische Wahrheit wider. Niemand kann sich selbst ehren. Echte Ehre ist ehrliche Zuwendung, die nur von anderen gegeben werden kann. Dies beginnt schon bei den Hirten und den Königen, die an die Krippe kommen. Die drei Sterndeuter nahmen nach der Erzählung des Matthäusevangeliums eine lange Reise auf sich, um einem unscheinbaren Baby einer sozial bedürftigen Familie die Ehre zu geben. Sie fanden einen göttlichen Glanz, aufgrund dessen sich alle Welt an sie erinnert.

Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen.

Joh 13,22



Das Johannesevangelium drückt die Herrlichkeit, die Jesus in der Gottesbeziehung erfährt, in eine mystische Sprache der wechselseitigen Immanenz: „Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen.“
Dies ist auch der Grund, warum das Evangelium selbst den Tod Jesu als Verherrlichung ansehen kann. Psalm 73 bringt einen vergleichbaren Gedanken zum Ausdruck: „Nach deinem Rat leitest du mich und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit. Was habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde.“

Im Sterben finden vielleicht selbst solch extreme Menschen wie Ayrton Senna jene Erfüllung, die sie ein Leben lang vergeblich suchen. Der Film „Senna“ hat mich beeindruckt. Ein Mensch, der alles für den Sport und für den Sieg gegeben hat, aber nicht nur aus persönlichem Ehrgeiz.


Ein Sportler, dem der Stolz und der Jubel seiner traurigen Nation wichtiger als der eigene Ruhm waren; dessen letzte Ehre es war, einem anderen die Ehre zu geben. Wem möchte ich die Ehre geben?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

E-Mails: debatte@diepresse.com