Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Todesdrohungen nach Kritik: Meinungsfreiheit und Islam

Die Fatwa gegen den Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zeigt, wie intolerant einige Vertreter des Islams sind. Religion als Zukunftssystem ist so zum Scheitern verurteilt.

Der Islam entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem intensiven Diskussionsobjekt, welches sich in der Medienwelt, in der Politik und auch im privaten Bereich so manifestierte, dass jeder Medienkonsument, gewollt oder manchmal auch unfreiwillig, mit dieser Thematik konfrontiert wurde. Diverse Medien schrieben dem Islam, vor allem aber den fundamentalistischen und islamistischen Vertretern eine massive Brisanz zu, sodass er aus der alltäglichen Berichterstattung nicht mehr wegzudenken war.

Mit dem Aufkommen der allgemeinen Islamhysterie bildeten sich bald verschiedene Lager, in denen Pro- oder Kontrastimmen in Bezug auf die Religion laut wurden. Der Islam war nicht mehr allein in der Wissenschaft und in sonstigen intellektuellen Bereichen vertreten, sondern fand auch Einzug in die Gesprächskultur des Alltags. Daraus resultierte, dass sich nun vermehrt auch Politiker, Journalisten, Autoren und Wissenschaftler zu dieser Thematik zu Wort meldeten und als „Islamkritiker“ öffentliches Interesse erweckten. Wegen der von außen oktroyierten Punzierung als „Islamkritiker“ galten sie von nun an auch als Ansprechpartner bezüglich der in Deutschland aktuell geführten Islamdebatte.

Ihre Analysen wurden gerne aufgegriffen, mitunter auch von Interessensgruppen, die dem Islam per se argwöhnisch gegenüberstehen und sich durch die Scharfschüsse der Autoren in ihren Vorurteilen nur noch weiter bestätigt sahen. Und so wird vielen dieser neuen Islamkritiker angelastet, neben einer vermeintlich „wissenschaftlichen Kritik“ auch diffamierende Religionskritik zu üben und durch Vorurteile ganze Bevölkerungsgruppen oder Religionsgemeinschaften über einen Kamm zu scheren, um Ausgrenzung und Hass zu fördern.

So reiht sich auch der aus Ägypten stammende und in Deutschland lebende Hamed Abdel-Samad neben Necla Kelek, Bassam Tibi und weiteren in die Riege dieser neuen, medial präsenten Berufssparte der Islamkritiker. Samad, der mit 23 Jahren nach Deutschland kam und nach eigenen Aussagen in Kairo eine Zeit lang Mitglied der Muslimbruderschaft war, wurde im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren durch seine Autobiografie „Mein Abschied vom Himmel“ wie auch durch die Publikationen „Untergang der islamischen Welt“ und „Krieg oder Frieden“ bekannt.

Eines der Hauptthemen Samads ist die von ihm prognostizierte Unfähigkeit von Muslimen zur Annahme von Kritik: Die fehlende Bereitschaft des Islams bzw. seiner Anhängerschaft zur Kritik und Hinterfragung der religiösen Strukturen und Ideologien lasse die Religion als Zukunftssystem scheitern. Muslime müssten lernen, Kritik am Islam zu akzeptieren, ja sogar zu praktizieren, und nicht mit physischer oder verbaler Gewalt auf Religionskritik zu antworten.


Todesdrohungen. Diesen Vorwurf bekam Samad jetzt am eigenen Leib zu spüren. Als Folge eines Vortrages beim Säkularen Forum in Kairo, in welchem Samad Islamismus mit Faschismus gleichsetzte, wurde gegen den Autor eine Todesdrohung ausgesprochen. Das ranghohe Mitglied der konservativen Partei Al-Jamaa Al-Islamiya Assem Abdel-Maged wie auch Mahmoud Shabaan, Professor der Al-Azhar-Universität in Kairo, mokierten sich fürchterlich über Samads Aussagen, dass der „religiöse Faschismus“ kein neues Phänomen sei, sondern im Islam selbst begründet wäre. Den Beginn markiere die Eroberung der Stadt Mekka durch die Anhänger des Propheten und die einhergehende Unterdrückung anderer Glaubensrichtungen mit der Etablierung des Islams. Daraufhin erklärten Maged und Shabaan den Autor auf dem von salafistischem Gedankengut geprägten Fernsehsender Al-Hafiz zum „Apostaten“ und riefen die Muslime zur Ermordung des Autors auf. Kurz darauf wurde eine Onlinekampagne initiiert, in der Bilder Samads mit der Aufschrift „Wanted Dead“ verbreitet wurden.

Am 13. Juni äußerte sich der deutsche Außenminister Guido Westerwelle zu dem Mordaufruf mit folgenden Worten: „Ich verurteile den Mordaufruf gegen den Publizisten Hamad Abdel-Samad in aller Schärfe. Ich bin ernsthaft besorgt um seine Sicherheit und erwarte von der ägyptischen Regierung, dass sie Aufrufe zur Gewalt unterbindet und konsequent gegen die Urheber des Mordaufrufs vorgeht.“

Samad allerdings verlangt eine massivere Druckausübung vonseiten Deutschlands auf Ägypten, um Präsident Mursi zu einer klaren Stellungnahme und Distanzierung wie auch einer moralischen und strafrechtlichen Verurteilung der Verantwortlichen zu drängen.


Warum radikal? Aufgrund der Tatsache, dass Samad, der in Ägypten aufwuchs und sich nicht nur auf wissenschaftlicher Ebene eingehend damit beschäftigt, sondern auch durch persönliche Erfahrungen Kenner der politischen und sozialen Situation dieser Region ist, stellt sich folgende Frage: Wieso wählt der Autor diese radikale Form der Kritik, wohl vorausahnend, dass Begriffe wie „Islamo-Faschismus“ vor allem im konservativen Umfeld Ägyptens massive Proteste bis hin zu Gewaltandrohungen auslösen könnten?

Offensichtlich war sich Samad einer möglichen Kränkung von Muslimen bewusst, denn vor Beginn des Vortrags würdigte er die Möglichkeit, über eine solch kontroverse Thematik referieren zu dürfen, und entschuldigte sich im selben Atemzug bei allen, die er mit seinen Aussagen verletzen werde. Ob er sich allerdings des Ausmaßes der Kränkung und vor allem der Reaktion auf diese bewusst war, muss als Frage in den Raum gestellt werden.

Während Drohungen dieser Art in der Ära Mubarak aufgrund der Repression von islamistischen Strömungen und anders gesinnten politischen Parteien eher ungehört blieben, öffnete der Sturz des Ex-Präsidenten das politische wie mediale Feld für Andersdenkende. Salafistische TV-Kanäle etablierten sich nach der Öffnung der politischen Landschaft im ganzen Land und fungieren heute als Sprachrohre ultrakonservativer Gruppierungen, die dieser Art in allen Teilen des Landes ein großes Publikum erreichen können. So war es auch Professor Shabaan selbst, der in selbst ernannter Position als Richter der Religion zur Ermordung des Oppositionellen Mohammed el-Baradei aufrief.

Nach Angaben der internationalen Nichtregierungsorganisation „Freedom House“ , welche jährliche Berichte über Freiheit und Demokratie in Medien, Wissenschaft und Politik publiziert, sind Zensur, Verbote und Verfolgungen in Ägypten nach wie vor an der Tagesordnung, obwohl das Land bezüglich der Pressefreiheit im Ranking 2013 vom Status „nicht frei“ auf „teilweise frei“ hochgestuft wurde. „Religiöse Diffamierung“ gilt weiterhin als Straftat, wie die Fälle von Verurteilungen der Medienpersönlichkeiten Tawfik Okasha, Islam Afifi oder Hanan Youssef verdeutlicht haben.

Samad, der mit Sicherheit mit all diesen Geschehnissen in seinem Heimatland vertraut ist, hat sich dennoch nicht dafür entschieden, seine Kritik sanfter zu formulieren. Auch in seinen Publikationen, die er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auch auf Arabisch veröffentlicht hat, spart er nicht mit provokanten Aussagen über den Islam. Kurz nach der Todesdrohung veröffentlichte Samad auf seiner Facebook-Seite: „Ich habe keine Angst, etwas oder alles zu verlieren. Es geht um Leidenschaft.“ Mit dieser Aussage unterstreicht Samad seinen Grundgedanken und Leitsatz, der in all seinen Publikationen und Artikeln immer wieder thematisiert wird: die absolute Meinungsfreiheit.

Mit der Anlehnung an Voltaires Aussage, auf die sich Samad immer wieder beruft, „Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“, positioniert sich Samad als Verfechter einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit.


Nicht für Worte bestrafen. Dieses Konzept bedeutet für Samad, dass Menschen niemals für ihre Worte oder Gedanken bestraft werden dürfen, sogar wenn es die Leugnung des Holocausts betrifft, sondern erst rechtliche Schritte eingeleitet werden müssen, wenn Gewalt angedroht oder ausgeführt wird. Um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, müsse die Gesellschaft auch akzeptieren, dass manchmal die „falschen“ Begriffe oder Äußerungen benutzt werden. Wie extrem oder provokant eine Aussage auch sein mag, man könne „auf Argumente mit Gegenargumenten reagieren“, so der Autor, und dies mache eine Debatte erst möglich. Ob diese Aussagen jedoch gesellschaftlich oder politisch Beachtung finden sollen, müsse auf anderer Ebene diskutiert werden.

In einem persönlichen Interview mit Samad meinte dieser, dass es legitim sei, seine Thesen und Überlegungen provokant zu formulieren, um Aufmerksamkeit dafür zu erreichen, dass es aber notwendig wäre, ab einem gewissen Punkt wieder einzulenken, um eine Diskussion zu ermöglichen und Veränderungen herbeizuführen.

Aufmerksamkeit hat Samad jedenfalls bekommen. Ob er sich dieses Feedback jedoch erwartet bzw. vielleicht sogar gewünscht hat, bleibt vorerst ungewiss. Der Autor ist momentan nicht nur in Deutschland in aller Munde, auch in Ägypten wurde der Mordaufruf thematisiert. Sogar die auflagenstärkste Tageszeitung in Ägypten, „Al-Ahram“, hat sich in einem Artikel mit den Aussagen Samads und den Reaktionen von salafistischer Seite auseinandergesetzt. Auf die Frage, wie es jetzt in seinem Leben weitergehe, antwortet Samad, dass er weiterhin zu seinen Aussagen stehen werde, denn ein Leben ohne Freiheit ergäbe für ihn keinen Sinn.

Nichtsdestotrotz hat der Mordaufruf eine positive Seite. Niemals zuvor wurde Samad so viel Gehör geschenkt und seine Aussagen und Gedanken von einem so breiten Publikum, in Europa wie auch in der islamischen Welt, aufgenommen.


Taktik oder Blauäugigkeit? Waren Samads provokante Aussagen Mittel zum Zweck, um eine Debatte über den Islam und die Meinungsfreiheit anzukurbeln, oder waren die übertriebenen Reaktionen aus orthodoxen Kreisen unvorhersehbar, und Samad hatte nicht mit ihnen gerechnet? Taktik oder unangenehmer Nebeneffekt eines Islamkritiker-Daseins? Samad wird seine Meinung dazu bestimmt äußern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2013)